1. September 1939 : Der Fingerzeig von Danzig

Ein weiterer Gedenktag in diesem Jahr voller Erinnerungen ist abgearbeitet, so routiniert wie kultiviert konnte sich die Kanzlerin auf der Westerplatte zu deutscher Verantwortung und Schuld am Krieg bekennen.

Sebastian Bickerich

Bei einem Land wie Deutschland, das aus dem Rückblick auf den Krieg und aus dem Appell „Nie wieder“ seine Staatsräson geformt hat, mag das nicht überraschen. 60 Jahre hatte die Bundesrepublik Zeit, sich um diesen 1. September 1939 ihre Gedanken zu machen. Er bleibt ein zentrales, ein wichtiges Gedenkdatum im Land der Täter, auch wenn der 30. Januar 1933 und der 9. November 1938 für das deutsche Selbstverständnis mindestens ebenso zentrale „Nie wieder“-Ereignisse markieren. Und doch kann und wird dieser 1. September so bald kein Tag allseitiger Routine sein. Die Gedenkstunde auf der Danziger Westerplatte hat das gestern eindrucksvoll gezeigt.

Trafen doch dort Vertreter von Kriegsparteien aufeinander, für die der Appell „Nie wieder“ bis heute einen gänzlich unterschiedlichen Klang hat. Für Polen verbinden sich mit dem 1. September und dem damit eng verbundenen 23. August 1939 Momente der Geschichte, an dem nicht nur die eigene Staatlichkeit und Millionen Menschenleben ausgelöscht wurden, sondern eine 50 Jahre dauernde Fremdherrschaft begann, zuerst im nazideutschen, später im sowjetischen Einflussbereich. So ist denn auch der Krieg für die Polen erst 1989 und mit dem folgenden EU-Beitritt wirklich zu Ende gegangen – beides aus polnischer Sicht historisch zwingende Momente der Wiedergutmachung an einer Opfernation. Ein weiterer zwingender Moment ist aus dieser Sicht das Moskauer Eingeständnis zumindest einer Mitschuld.

Diesen Gefallen wollte Wladimir Putin Polen gestern aber nicht tun. Es war auch schwerlich zu erwarten. Zwanzig Jahre nach dem Ende der UdSSR laboriert Russland noch immer an der Interpretation der eigenen Geschichte. Opfer gegen Hitler, Täter gegen Osteuropa: Daraus eine verbindende Staatsräson zu schaffen, ist eine schwer zu bewältigende Aufgabe; hing doch beides, Stalins Verteidigungskrieg und die Einverleibung halb Osteuropas, unmittelbar zusammen.

Russland braucht Zeit zu erkennen, dass Stalins Herrschaftsanspruch und ein Denken in Einflusszonen in einer modernen Welt nichts mehr zu suchen haben. Es braucht Zeit einzusehen, dass in der Übernahme von Verantwortung für Fehler und für erlittenes Unrecht Momente der Stärke, nicht der Schwäche liegen können. Diese Einsicht muss vor allem aus der russischen Gesellschaft und ihren Führern kommen. Geschichtsklitterungen in den vergangenen Wochen und ein merkwürdiges Gesetz gegen Kritik an der Rolle der Roten Armee geben da wenig Anlass zu Optimismus.

Es ist deshalb schon ein Erfolg für Polens Ministerpräsidenten Donald Tusk, dass er Putin überhaupt zu einem Besuch auf der Westerplatte ermuntern konnte. Der ließ sich auch nicht von Präsident Lech Kaczynski provozieren, der das Sowjetmassaker an tausenden Polen in Katyn in einem Atemzug mit dem Holocaust nannte. Ein törichter Vergleich ist das, weil er die UdSSR mit Nazideutschland gleichsetzt und aus zeitweisen Mittätern Hauptschuldige macht. Putin sprach von Momenten der russisch-polnischen Geschichte, die es „zu klären“ gilt. Immerhin. Ein Fingerzeig – hin zu einem gestern noch fernen Moment, an dem auch Polen und Russen aus dem „Nie wieder“ eine Erinnerung schöpfen können, die verbindet, nicht trennt.

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