Meinung : 100 Tage Bush: Das Ende von Big Brother

Das Segelboot hat gerade erst abgelegt, und trotzdem weiß jeder an der Mole schon, wohin die Reise geht. Morgen ist der amerikanische Präsident George W. Bush hundert Tage im Amt. Entsprechend heftig überschlagen sich Bilanzen und Prognosen. Was kaum einer weiß: Von den 488 Amts-Ernennungen, die der US-Senat genehmigen muss, sind Bush erst 29 bewilligt worden. Oder drastischer: Nur sechs Prozent der neuen Regierungsmannschaft sind überhaupt arbeitsfähig. In neun von 14 Ministerien hat der jeweilige Chef noch nicht einmal einen Vize. Es ist anmaßend, sich in einer solch unfertigen Situation ein festes Urteil zu erlauben. Und in Deutschland sollte man besonders vorsichtig damit sein: Gerhard Schröder war nach hundert Tagen abgeschrieben. Und inzwischen werden die Chancen seiner Wiederwahl nicht mehr ganz so pessimistisch beurteilt.

Über Bush ist die Meinung derzeit gespalten: Er driftet eiskalt nach rechts, rufen die Alarmisten, er ist radikal in seiner Rücksichtslosigkeit und altmodisch in seiner Religiosität. Er hat einen perfekten Start hingelegt, geben die Technokraten zurück, hat rasch das Stigma der Illegitimität beseitigt und verfolgt stetig seine Pläne. Die Europäer neigen zu der ersten Interpretation, die Amerikaner zu der zweiten. Hyperempfindlich reagieren die Einen auf jede Nuancenverschiebung des internationalen Gleichgewichts, eher dickhäutig registrieren die Anderen, dass sich eigentlich noch gar nichts verändert hat. Seine Landsleute geben Bush deshalb - trotz bedenklicher Wirtschaftslage und steigender Energiepreise - gute Noten. Und sie werden ihn, wenn es darauf ankommt, an einen einfachen Sachverhalt erinnern: Das Mandat für eine konservative Revolution hat ihm Amerika bei der letzten Wahl nicht erteilt.

Woran aber liegt es dann, dass sich in Europa exakt dieser Eindruck zu manifestieren scheint? Ist der Kontrast zwischen Bush und seinem Vorgänger wirklich so scharf? Bill Clinton hat den Irak bombardiert, die Umsetzung des Kyoto-Vertrags torpediert und den Nahen Osten als Bürgerkriegsschauplatz hinterlassen. Die europäische Liebe zu ihm ist ungebrochen. Denn Clinton hatte die große Gabe, zerknirscht aussehen zu können, wenn er Fehler machte oder Verbündete düpierte. Dieses Talent fehlt Bush. Aber die realen politischen Unterschiede zwischen den Beiden sind bisher gering. Die Art etwa, wie Bush die Flugzeugabsturz-Krise mit China entschärfte, hat mehr mit dem Gebrauch von Glacéhandschuhen zu tun als mit dem Überstreifen von Cowboystiefeln. Und die Massenausweisung der russischen Diplomaten war zwar spektakulär, lässt aber nicht auf eine neue Härte in der amerikanischen Außenpolitik schließen.

Natürlich verfolgt Bush - teils freiwillig, teils unfreiwillig - einen anderen politischen Kurs als sein Vorgänger. Er steht für andere Werte, andere Ziele. Doch die Überraschung darüber wirkt fast ein bisschen komisch: Wenn das nicht so wäre, wozu dann noch wählen? Bush ist wirtschaftshöriger und medienunsicherer als Clinton, er ist privater - und disziplinierter. Vor kurzem besuchte er das Holocaust-Museum in Washington. Die Presse wurde von diesem Termin ausgeschlossen. Wer wirklich wichtig ist, macht sich rar, heißt die Botschaft. In solchen Gesten zeigt sich ein Stil, der womöglich sogar das Ende der Big-Brother-Mentalität einleitet. Clinton hat wenig erreicht, aber eine perfekte Show hingelegt. Von Bush wird man vielleicht einmal das Gegenteil sagen.

Trotzdem bleibt das frühe europäische Unbehagen über den neuen US-Präsidenten. Das allerdings könnte andere Gründe haben, als viele Beobachter sich eingestehen. Vielleicht ist Bush ganz einfach zu amerikanisch für den europäischen Geschmack. Sein ungebrochener Einsatz für die Todesstrafe, seine demonstrativen religiösen Bekenntnisse, seine unverhohlene Ablehnung der Abtreibung, sein Widerstand gegen eine Einschränkung des Rechts auf Waffenbesitz: All das verursacht in Europa Gefühle der Abneigung. Der latent immer vorhandene kulturelle Graben zwischen dem alten und dem neuen Kontinent ist wieder tiefer geworden. Immerhin eine Bilanz ist deshalb nach hundert Tagen möglich: Amerika ist Europa durch George W. Bush ohne Zweifel ziemlich schnell ziemlich fremd geworden.

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