Meinung : 15 Jahre nach Tschernobyl: Sarg der Illusionen

Ingrid Müller

Sie wird ein riesiges Mahnmal sein. Die neue Schutzhülle für den Katastrophenreaktor von Tschernobyl wird 260 Meter Spannweite haben, 100 Meter hoch sein und 120 Meter lang. Eine mächtige Röhre aus Stahl soll die bedrohliche Strahlung für 100 Jahre einschließen.

Doch noch ist das alles nur ein Plan. Auch heute, am 15. Jahrestag des schwersten Atomunglücks. Viele Menschen hatten gedacht, mit der Einigung über die Finanzierung für den neuen Sarkophag und der Abschaltung des letzten Meilers in Tschernobyl Ende vergangenen Jahres sei das Thema doch wohl erledigt. Sehr viel Geld soll fließen. Für den Bau werden 1,5 Milliarden Mark veranschlagt. Viel Geld ist schon ausgegeben worden - und vieles offenbar in privaten Taschen gelandet. Doch darüber, so ist zu hören, möchte die internationale Gemeinschaft nicht so gerne reden. Sollte sie aber. Oder wünschen sich die politisch Verantwortlichen vor allem, dass Ruhe herrscht bei diesem Thema?

Wo heute so viel Schweigen ist, ist in den Jahren nach dem Gau in der Ukraine am 26. April 1986 international viel geredet worden und einiges geschehen. Die ersten Tage und Wochen prägte Hilflosigkeit. Nicht zuletzt, weil die Verantwortlichen bis nach Moskau alles vertuschen wollten. Aber auch als Informationen verfügbar waren, machten die Reaktionen deutlich, dass eigentlich niemand wusste, wie man mit der Atomkatastrophe umgehen sollte. Immerhin, es wurde diskutiert. In der Folge entstand in Deutschland das erste Umweltministerium, später wurde die Umweltpolitik sogar eine Zeit lang richtig wichtig. Eine recht breite Öffentlichkeit interessierte sich nun auch für internationale Konferenzen, die sich mit Themen rund um die Umwelt beschäftigten. Die Anti-Atomkraftbewegung wurde stark. Deutschland bekam 1998 schließlich eine rot-grüne Regierung, die die Umweltpolitik immerhin als eines ihrer zentralen Themen postuliert hatte.

Von heute aus betrachtet wirkt das wie eine Fata Morgana. Sicher, im vergangenen Jahr hat es eine Vereinbarung gegeben, die wir als Atomkonsens kennen. Doch darüber, wie der Weg zum Ausstieg aus der Atomkraft genau aussehen soll, hat die Regierung die Bürger bis heute im Unklaren gelassen. Es ist der Eindruck entstanden, als schnaufe Rot-Grün noch hörbar durch nach dieser historischen Vereinbarung. Währenddessen sind in den Reihen des Konsenspartners erste Absetzbewegungen zu verzeichnen. Die Umwelt scheint nicht mehr wichtig zu sein.

Halt, werden viele einwenden. Der Kanzler hat doch gerade erst in den USA beim Klima bewiesen, dass die Umwelt ihm wichtig ist. Wie ein Löwe kämpft Jürgen Trittin dort gerade dafür, dass Präsident Bush und seine Verwaltung einsehen, wie wichtig Kyoto ist, wo sich auch die USA zur Reduzierung der Treibhausgase verpflichtet haben. Und die Nachricht, die wir erhalten? Amerika kommt zum Gipfel in Bonn. Amerika prüft das Protokoll. Amerika will eigene Vorschläge präsentieren. Europa freut sich. Langsam steigt das Gefühl auf, dass es darauf hinausläuft, die getroffene Vereinbarung aufzuweichen, über Ausnahmeregelungen, über das Anerkennen von Ausgleichsmaßnahmen, die bis dato als inakzeptabel galten. Auch Europa hat Schwierigkeiten, seine Zusagen einzulösen. Da wäre es womöglich hilfreich, man könnte es als Erfolg feiern, den größten Verschmutzer doch noch fürs Mitmachen zu gewinnen. Was zählten dann ein paar Abstriche bei der Umwelt? Ohne Amerika würde es sie doch viel schlimmer treffen, könnte die Formel heißen.

Mancher - nicht zuletzt in den USA - propagiert die Atomkraft bereits wieder als Ausweg. Obwohl zum Beispiel das mit westlicher Technologie ausgerüstete Atomkraftwerk Temelin in Tschechien von einer Pannenabschaltung zur nächsten läuft. Anstatt die Atomenergie anzupreisen, sollten erneuerbare Energien intensiv gefördert werden. Dann sind sie bald wettbewerbsfähig. Solch verheerende Folgen wie Tschernobyl haben sie nicht. Wir kennen grausame Auswirkungen, die der Gau von 1986 angerichtet hat. Und wir kennen noch nicht einmal alle. Etwa die Namen aller Krebsopfer. Diese Krankheit hat die Tücke, lange zu brauchen, bis sie die Menschen zerfrisst. Und jene, die die neue Schutzhülle bauen sollen, müssen mit massiver Strahlung fertig werden. Noch immer kann sich ein Mensch nur kurze Zeit dort aufhalten, denn aus dem brüchigen Mantel dringt enorme Strahlenfracht.

In Tschernobyl steht bald ein gigantischer Sarg. In ihm sind Illusionen begraben. Die Weltgemeinschaft darf darin nicht auch die Bemühungen um den Schutz der Lebensgrundlagen künftiger Generationen begraben. 100 Jahre Langsamkeit kann sich die Weltgemeinschaft nicht leisten.

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