Meinung : 15 Meter zu den Sternen

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Von Dieter Kosslick

WO IST GOTT?

Seit zehn Tagen stehe ich auf dem roten Teppich, vier Mal am Tag, wie ein Ministrant, der den Hohepriestern die Handreichungen macht. Ein Star nach dem anderen fährt vor, der eine schüchtern, die andere scheu, und dann hält der Wagen, genau da, wo der Pflasterstein zum roten Teppich wird. In diesem Moment, am Anfang des roten Teppichs, passiert das, worauf alle hingearbeitet haben, worauf alle warten: Die Schauspieler blicken in die Kameras und wissen, dass diese Bilder um die ganze Welt gehen; die Fotografen auf der rechten Seite drängeln und schieben, für sie entscheidet eine einzelne Sekunde; und die Zuschauer, die Stunden gewartet haben, rufen nach ihren Stars. Und in diesem kurzen Moment spürt man: Gott ist hinter den Sternen, God is behind the Stars.

In diesem Moment auf dem roten Teppich, wenn die Konzentration zu 100 Prozent auf den Star gerichtet ist, entsteht etwas von, ja, von kosmischer Energie. In diesem Moment wird klar, was diese Menschen von allen anderen unterscheidet: dass sie ein Gesicht haben, dass sie schauspielern können, dass die ganze Welt das gleiche Gefühl für diesen einen Menschen hat. Auf dem roten Teppich entsteht eine solch intensive Energie, dass er ein abgeschlossenes kleines Universum wird. Gott ist hinter diesen Stars. Weiter geht es nicht mehr.

Der rote Teppich ist 15 Meter lang, für viele sind das 15 Meter auf dem Weg zur Berühmtheit. Wenn sie diesen Teppich betreten, beginnt eine andere Welt. Das sieht man in den Gesichtern, das merkt man an der Reaktion, wenn sie sich umdrehen und in die Kameras blicken. Die sind professionell, weil sie wissen, wie kompliziert dieses Geschäft ist, und wie abhängig die Medien von ihnen sind, aber auch wie abhängig sie von den Medien sind. Einsam läuft die Nebendarstellerin hinten weg, einsam läuft der bekannte Drehbuchschreiber hinten weg und versucht sich aus der Kälte zu retten. Die Konzentration liegt nur auf dem Star. Nach einer Woche spürt man diesen besonderen Geist, dieses besondere Etwas. Das ist auf keinen Fall Gott. Denn im Prinzip ist es etwas sehr profanes: talentierte Menschen, die großartige Filme machen und dadurch zu den Symbolen werden, die wir alle kennen.

Die halten sich auch nicht für Götter. Den Star als Gott habe ich bei der Berlinale nicht kennen gelernt. Aber das Festival ist eine Art Profanes Hochamt. Zu Pfingsten oder Weihnachten geht es in der Kirche ähnlich zu: Inszenierung, Konzentration, Meditation, Weihrauch. Ich kenne mich in diesen Fragen aus, schließlich war ich ab meinem 7. Lebensjahr Ministrant – bis ich 19 war. Die Berlinale ist durchaus eine Art autovisueller ökumenischer Weltkongress.

Auf dem roten Teppich habe ich eine besondere Erfahrung gemacht: Ich hatte die ganzen Tagen das Gefühl, dass alle sehr heiter waren und eine Form von Menschlichkeit vermittelt haben. Das war bei der unbekannten kleinen Schauspielerin aus China genauso wie bei Kevin Spacey. Das war bemerkenswert. Eine Stimmung: Wir sind zusammen. Auf dem roten Teppich merkt man das.

Der Autor ist Festivaldirektor der Berlinale.

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