1968 : Selbstbetrug einer Generation

Der „Mythos Achtundsechzig“ lebt und hat offensichtlich bis heute nichts an seiner Faszination eingebüßt. Doch was Geistig-moralische Ödnis, Multi-Kulti-Träumereien, Mittelmaß: Das Erbe jener Jahre ist der Erosionsprozess unserer Gesellschaft.

Jörg Schönbohm

Der „Mythos Achtundsechzig“ lebt und hat offensichtlich bis heute nichts an seiner Faszination eingebüßt. Sein 40. Jahrestag wird wie ein Tag der Heldenverehrung begangen. Unbestreitbar hat die ,Jugendrevolte’ politisch und kulturell einen tiefgreifenden Wandel bewirkt. Nach 1968 war die Welt nicht mehr dieselbe. War sie aber auch besser? Der Aufstand der Achtundsechziger hat viel bewegt – und noch mehr zerstört. Bereits Edmund Burke mahnte, dass derjenige, der verändern will, immer die Beweislast trägt, dass das Neue tatsächlich besser als das Alte ist. Diesen Grundsatz wollten die Jungrevolutionäre für sich freilich nicht gelten lassen. Ihnen ging es nicht um die Veränderung aus Vernunft, sondern um die Veränderung aus Prinzip.

Am Anfang stand das Aufbegehren der Jugend gegen das Verdrängen und die vermeintlich biedermeierliche Idylle der „miefigen“ Ära Adenauer. Die selbsternannten Gesellschaftsveränderer zogen gegen die Engstirnigkeit und die bürgerliche Spießigkeit der Elterngeneration ins Feld. „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ lautete ihr Schlachtgesang. Im Kampf gegen das Establishment waren eher Pflastersteine denn das Florett die Waffe der Wahl. Passend reimten die Sponti-Dichter: „Der Stein bestimmt das Bewusstsein.“ Mittlerweile sind alle Schlachten geschlagen und die Ex-Kommunarden berauschen sich am Triumph ihrer entgrenzten Revolution. Das Einzige jedoch, was ihr „Feldzug für die Freiheit“ zurückließ, war intellektuelle Einseitigkeit und eine geistig-moralische Ödnis. Lediglich die ideologische Verbohrtheit blühte auf.

Die Protestler leisteten ganze Arbeit: Kaum eine bewährte Ordnung, die ihrem Zugriff entging, kaum jemand, der sich ihrem ,liebenswerten Anarchismus’ entziehen konnte. „Anything goes“ wurde zum Lebensmotto einer ganzen Generation. Die einzigen Pflichten des anständigen Achtundsechzigers bestanden darin, den Staat zu melken, wo es ging, Autoritäten und Konventionen in Frage zu stellen und Tabus zu brechen. Manche mögen dies für eine Errungenschaft halten. Weniger wohlwollend könnte man auch von dem Versuch der Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung sprechen. Bürgerlichkeit und höfliches Benehmen wurden durch Provokationen, Schamlosigkeit und rücksichtlosen Egoismus ersetzt. Wo einstmals Regeln und Normen dem Leben Orientierung gaben, herrscht heute Beliebigkeit vor. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, die Achtundsechziger hätten einfach alle Werte abgeschafft. Ihre Methode war subtiler. Sie haben nicht entwertet, sondern aufgewertet – und zwar alles. Heute gibt es nichts mehr, was nicht schützenswert oder ,wert’voll wäre. Die Diktatur des Relativismus ist an die Stelle eines festen Wertekanons getreten.

Die ‚Jeder-wie-er-will’-Mentalität wurde auch auf die Familie übertragen. Familiäre Verbindlichkeiten sind verpönt – ganz nach dem Sponti-Motto: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Heute leben gerade einmal noch 39 Prozent der Bevölkerung in einer klassischen Familie – Tendenz stark abnehmend. Das verpflichtungsfreie Single-Dasein hingegen erlebt einen unvergleichlichen Boom. Auch alternative Familienformen – das heißt alleinerziehend, unverheiratet, gleichgeschlechtlich – erfreuen sich wachsender Beliebtheit. In Großstädten wächst bereits annähernd jedes zweite Kind in solchen alternativen Familienersatzstrukturen auf. Wie selbstverständlich nehmen wir es hin, dass mittlerweile jede dritte Ehe geschieden wird. Was einstmals ein Bund fürs Leben war, ist heute häufig nicht mehr als eine auf Zeit angelegte Zweckgemeinschaft zur Gewinn- und Lustoptimierung. Treue, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und Selbstaufopferung bleiben dabei auf der Strecke – ist das das „Gute“ an Achtundsechzig?

Selbstverwirklichung ist zum neuen Zauberwort unserer Zeit geworden. Die Frau, die es wagt, ihre berufliche Karriere zugunsten der Familie aufzugeben, die es vielleicht sogar wagt, ihre Erfüllung in der Mutterrolle zu sehen, wird als Heimchen diffamiert und riskiert ihr gesellschaftliches Ansehen. In einer solchen Atmosphäre erfährt auch die Abtreibung als Mittel einer selbstbestimmten Lebensplanung zunehmend gesellschaftliche Akzeptanz – ganz nach dem Hippie-Mantra: „Mein Bauch gehört mir“. Zugleich gelang es den Achtundsechzigern, die Großfamilie als Regelfall endgültig zu desavouieren. Das generationsübergreifende Band zwischen Kindern, Eltern und Großeltern wurde mit dem Aufstand der Jugend gekappt. Galten ältere Menschen früher noch als weise und lebenskluge Ratgeber, kann heute scheinbar problemlos auf sie verzichtet werden. Alte und Gebrechliche werden aus unserem Lebensalltag verbannt und abgeschoben. Sie belasten und sind überflüssig. Auch hierfür hatten die Achtundsechziger die passende Losung zur Hand: „Trau keinem über dreißig.“

Auch die Kindererziehung war ein beliebtes Betätigungsfeld der Achtundsechziger-Ideologen. Kinder sollten zu freien Menschen heranwachsen – in der Flower- Power-Logik bedeutete dies vor allem Freiheit von Erziehung. Die antiautoritäre Erziehung in den Kinderläden leugnete das Bedürfnis der Kinder nach Regeln, Grenzen und einer lenkenden elterlichen Hand. Wie eine Gesellschaft aussieht, die es verlernt hat, wie man die eigenen Kinder erzieht und wie man Regeln benennt, wird uns täglich vor Augen geführt: Intellektuelle Verwilderung, Verrohung der Sitten, Verlust von Anstand und Manieren, Egozentrik. Die zunehmende Jugendgewalt und das sinkende Alter der Straftäter sind auch Ausweis für das Versagen der Erzieher, zu denen im Übrigen nicht nur die Eltern zählen. Es darf nicht vergessen werden, dass die Achtundsechziger bereits seit langem auch an den Schalthebeln der Schulerziehung sitzen und als Lehrer zumindest eine Mitschuld an der aktuellen Bildungsmisere tragen. Die gleichmacherische Gesamtschulromantik, der Verzicht auf Leistung und die Verweigerung eines einheitlichen Bildungskanons haben dazu geführt, dass über die Jahrzehnte unendlich viel an Kulturwissen verloren gegangen ist. Die Ideologen der Studentenbewegung haben auch hier für einen intellektuellen Kahlschlag gesorgt. Die Folgen sind Geistesarmut und Mittelmaß.

Auch in einem anderen Bereich gelang es den Achtundsechzigern die Deutungshoheit zu erringen. Patriotismus war den Weltverbesserern seit jeher suspekt. Für das Vaterland sollte man sich gefälligst schämen. Durch die Verbrechen des Nationalsozialismus hatte die Nation in ihren Augen jegliche Existenzberechtigung eingebüßt. Stattdessen forderte man die Errichtung einer Multi-Kulti-Gesellschaft. An die Stelle der Vaterlandsliebe rückte ein diffuses Weltbürgertum. Deutschsein galt als Synonym der Spießigkeit und Kleinkariertheit. Nicht nur die weinseligen Toskanafraktionäre lobten in kosmopolitischer Manier die Lebensfreude der Karibikstaaten, die Spiritualität Indiens, die Offenheit Südamerikas oder das Geheimnisvolle der arabischen Welt. Solche Multi-Kulti- Träumereien beschädigten die Gemeinsamkeiten unserer Gesellschaft, versperrten den Blick auf die tatsächlichen Probleme der Integration und sorgten jahrzehntelang für eine wahllose und unkontrollierte Zuwanderung.

Die Nachwuchs-Revoluzzer erzwangen sogar erfolgreich die Veränderung unserer Sprachgewohnheiten. In George Orwells Roman „1984“ waren die Phänomene „Neusprech“ und „Gutdenk“ noch Fiktion. Bei uns sind sie mittlerweile bittere Realität. Durch die Verordnung einer politisch korrekten Sprache greifen die Tugendwächter auch nach der Kontrolle der Gedanken. Über die Einhaltung des rigiden Sprachkodex’ wacht eine regelrechte „Language Police“ (Diane Ravitch). Der freiheitliche Diskurs wird durch gestanzte und die Wirklichkeit verschleiernde Begriffe abgelöst. Wer sich dazu bekennt, auf sein Vaterland stolz zu sein, wird öffentlich geteert und gefedert. Wer die deutsche Sprache als Grundlage unseres Zusammenlebens bezeichnet, wird als „Zwangsgermanisierer“ beschimpft. Die Political Correctness führt zu einer Schere im Kopf. Die katastrophalen Folgen dieser geistigen Selbstzensur sind Konformität und Uniformität des Denkens. Andersdenkende werden pauschal dämonisiert und stigmatisiert. Denkfeigheit tritt an die Stelle freiheitlichen Bürgermuts.

Die größte Sünde der Achtundsechziger war jedoch ihre romantische Liaison mit den gewaltbereiten Radikalen, die sich später in der RAF sammeln sollten. Ihre klammheimliche Freude über die Gewaltaktionen der „antiimperialistischen Stadtguerilla“ ließ sich nicht immer verbergen. Zu keinem Zeitpunkt respektierte die Protestbewegung das Gewaltmonopol des Staates. „Warum soll die Polizei den ganzen Spaß alleine haben? Bewaffnet die Bevölkerung!“ war ein häufig gehörter Sponti-Spruch. Gewaltanwendung von Minderheiten wurde als Notwehr gegenüber dem übermächtigen Staat gerechtfertigt. Für einige bezog sich dies nicht nur auf das ,einfache’ Steinewerfen und das Anzünden von Autos, sondern eben auch auf terroristische Anschläge, die Menschenleben kosteten. Die blutige Geschichte des roten Terrors der siebziger Jahre ist eng mit der Geschichte der Studentenbewegung verbunden. Ihre Traditionsstränge sind untrennbar miteinander verwoben.

Zugleich war das Paradoxe immer ein deutliches Kennzeichen der Achtundsechziger. Sie protestierten gegen Ideologien und errichteten selber eine Ideologie. Sie schrieben sich Toleranz auf die Fahnen und waren im Kern zutiefst intolerant gegenüber anderen Überzeugungen. Sie wandten sich gegen die Religion und machten selber Heils- und Erlösungsversprechen. Sie predigten Vielfalt und erreichten Einfalt. Letztlich bereiteten die Achtundsechziger durch die Entfesslung eines zerstörenden Nihilismus und schrankenlosen Libertinismus den Boden für einen immer noch andauernden Erosionsprozess unserer Gesellschaft. Dass sie sich selbst dafür als die Guten preisen, ist der große Selbstbetrug einer ganzen Generation.

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