20 Jahre danach : Die DDR im Kopf

Was gegen jeden Phantomschmerz spricht

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Foto: privat
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Es gibt leichte und schwere Kindheiten, sonnige und düstere, es gibt auch Kindheiten in Diktaturen, aber modische oder unmodische Kindheiten gibt es nicht. Die Autorin Jana Hensel schrieb in ihrem Bestseller „Zonenkinder“, wie mit dem Fall der Mauer ihre Kindheit „aus der Mode geraten (war) wie ein Sommerkleid“. Sie war dreizehn, als das passierte, und dreizehn Jahre später, 2002, macht sie, mittlerweile 26-jährig, uns in ihrem Büchlein glauben, dass an dem Tag ihre Kindheit ein abruptes Ende fand.

Wieso? Weil ihre Pioniergruppe verschwand? Die 13-jährige Jana wurde nicht von ihren Eltern getrennt, sie konnte weiter in ihrem Bett schlafen, mit ihrer Familie frühstücken, sie ging auch nach dem Mauerfall in dieselbe Schule, wurde von denselben Lehrern unterrichtet, behielt ihre Freunde, musste weder die Stadt verlassen noch sich verstecken. Sie war nicht auf der Flucht, und Bomben fielen auch keine.

Wieso bloß fallen alle auf die Geschichte vom Ende der Welt der armen Ossis herein? Es ist politisch korrekt, den Wessis vorzuwerfen, kein Gefühl dafür zu haben, was es für Ostdeutsche bedeutet, ihren Alltag verloren zu haben. Die meisten Menschen haben nicht einmal ein Gefühl für das Leben ihrer Nachbarn, entwickeln keine große Empathie für die Umwälzungen im Leben von Flüchtlingen und Asylanten. Warum sollen sie ein besonderes Gefühl für die Verluste der Ossis aufbringen?

Millionen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und später aus der DDR verloren weit mehr als ihren Alltag. Sie büßten Haus und Hof, Eltern, Kinder, Berufe, Lebenszusammenhänge, Freunde ein. Ganze Generationen haben in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts dieses Schicksal erlitten. Nach dem 1. Weltkrieg waren Posen und Westpreußen weg, nach dem 2. Weltkrieg Ostpreußen und viel mehr. Von der massenhaften Auslöschung und Vertreibung unliebsamer Mitbürger gar nicht zu reden. Warum ausgerechnet sollen die Kindheiten der Ossis so besonders schützenswert sein, ja als singulär aufgewertet werden? „So waren in kürzester Zeit alle Orte unserer Kindheit verschwunden oder hatten ein neues Gesicht erhalten“, klagt Hensel. In Schanghai passiert das täglich: Was eben noch Spielplatz oder Fahrradberg war, ist morgen schon eine Baugrube und übermorgen ein Hochhaus. Auch westdeutsche Kinder verloren von einem Tag auf den anderen Bolzplätze an Supermärkte. Das ist nichts Besonderes, nichts besonders Schönes, aber der Lauf der Welt.

Auch zwanzig Jahre nach dem Niedergang der DDR-Diktatur wird an das Schützenswerte des DDR-Alltags appelliert. Man stelle sich vor, ein 26-jähriger Mann aus, sagen wir, Hannover hätte 1958 in einem Büchlein seiner Sehnsucht nach der Nazizeit, nach HJ-Treffen, Nachtmärschen, Fahnenappellen und Fackelumzügen Ausdruck verliehen und sich gewundert, wie von heute auf morgen im Mai 1945 Hitlers Bild aus dem Klassenzimmer verschwand, so wie Hensel den Verlust der Bilder Honeckers und Lenins verstört bemerkt. „Tagaus, tagein hatten wir die Männer angeguckt …“ Besagter junger Mann der Nachkriegszeit hätte sich gehütet, seine Nazikindheit zu verklären.

Als meine Familie vor dem Mauerbau zu Republikflüchtlingen wurde, war ich ähnlich alt wie Hensel beim Mauerfall. Mitten im Sommer verließen wir unsere Heimat, Freunde, Verwandte für eine ungewisse Zukunft in Freiheit. Das Ende meiner Kindheit war das nicht, nur das Ende meiner Kindheit in der DDR, die politisch von Ungerechtigkeit, Druck, Lügen, Angst und Misstrauen gekennzeichnet war. Eine Identifikation mit dem DDR-System, das bevormundete, unterdrückte und wegsperrte, sollte man weder verniedlichen noch ermutigen. „Es war nicht alles schlecht“, reicht einfach nicht. Nie ist nur alles schlecht, die Autobahnen haben durchaus ihren Reiz.

Die Autorin ist Erziehungswissenschaftlerin und Journalistin. In diesen Tagen erscheint ihr neues Buch „Eine Kindheit in vormaurischer Zeit“ (Berlin-Verlag, 192 Seiten, 19,90 Euro).

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