200 Jahre HU : Bildung heißt Urteilskraft

Was erwartet die Gesellschaft von der Hochschule? Fertige Absolventen, die gehorsame Diener des Zeitgeistes sind? Bildung und Wissen müssen auch dem moralischen Anspruch der Urteilsbildung genügen.

Uwe Schlicht

Als am 15. Oktober 1810 die Berliner Universität ihren Lehrbetrieb aufnahm, hatte sie nur 256 Studenten und 53 Dozenten. Ihre Gründungsväter Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte konnten zwar hoffen, dass die neue Universität die besten Geister der Zeit anziehen würde, weil sie ein Zeichen gegen die Unterdrückung Preußens und Deutschlands durch Napoleon setzte. Dass ihr das später im Weltmaßstab gelingen würde, schien vermessen: Savigny, Hegel, Ranke, Mommsen, Virchow, Koch, Helmholtz, Planck sind zu Fixsternen dieser Universität geworden, der Humboldt als Organisationsprinzip auf den Weg gegeben hatte: Notwendig ist Freiheit und hilfreich ist Einsamkeit. Einsamkeit bedeutete jedoch nicht ein Rückzug in den Elfenbeinturm, sondern diente nur der Erkenntnis, die anschließend im Dialog mit den Studenten in einem Prozess der Wahrheitssuche münden sollte. Die Einheit von Forschung und Lehre wurde zur Blaupause für die führenden Universitäten der Welt.

Was erwartet die Gesellschaft von der Hochschule? Fertige Absolventen, die gehorsame Diener des Zeitgeistes sind? Humboldt sagt: „Nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um; und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu thun.“ Bildung und Wissen müssen auch dem moralischen Anspruch der Urteilsbildung genügen.

Welche Weitsicht, wenn man die Abgründe vor Augen hat, in die im 20. Jahrhundert die Universität Humboldts gestürzt wurde. Die Bücherverbrennung vom Frühjahr 1933 nahm ihren Ausgang von der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, deren Studenten durch die Nationalsozialisten und die schlagenden Verbindungen besonders radikalisiert worden waren. Die Vertreibung jüdischer Gelehrter bedeutete einen Aderlass. Nobelpreisträger Albert Einstein emigrierte von Berlin in die USA.

Als die Friedrich-Wilhelms-Universität unter dem neuen Namen Humboldt- Universität zur ersten Adresse in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR wurde, waren es mutige Studenten, die die erneute Indienststellung der Wissenschaft für eine Ideologie bekämpften. Nach dem Auszug kritischer Studenten wurde die Freie Universität im amerikanischen Sektor zur Gegengründung. Jahre später zeigte der Fall des Physikers Robert Havemann erneut, dass rebellische Geister an der Humboldt-Universität nicht mehr geduldet wurden. Havemann hatte sich vom Stalinisten zum Kritiker einer gegängelten Wissenschaft gewandelt.

Nach der Wende lösten die Politiker der Stadt den Streit um die Zukunft der Humboldt-Universität mit Weitsicht. Eine Universität, die bis zum Ende der Weimarer Republik Weltgeltung besessen hatte und in ihrer Ahnengalerie 29 Nobelpreisträger aufweisen kann, war so auszustatten, dass sie wieder in Deutschland und der Welt konkurrenzfähig wurde. Diese Politik beflügelte auch den Konkurrenzkampf zwischen den Berliner Universitäten. Dass die Humboldt- Universität im Jahr 2007 nicht den Elitestatus erhielt, sondern die Freie Universität, ist kein Makel. Der Elitewettbewerb startet in die nächste Runde und die Humboldt-Universität arbeitet auch zu Beginn dieses Jubiläumsjahres an ihrem Zukunftskonzept.

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