30 Jahre Privatfernsehen : Der Erfolg hat mutlos gemacht

Die Privaten haben das deutsche Fernsehen verändert, auch das öffentlich-rechtliche. 30 Jahre später stehen ARD und RTL vor den gleichen Herausforderungen.

Der Klassiker "Dinner for One" ist immer noch ein Lichtblick im Grusel-Programm am Silvesterabend.
Der Klassiker "Dinner for One" ist immer noch ein Lichtblick im Grusel-Programm am Silvesterabend.Foto: dpa

Wieder einmal herrschte Angst in Deutschland. Würde der Bundesbürger kommerzielles Fernsehen, kommerziellen Hörfunk ohne Schäden an Leib und Geist aushalten? Vier Kabelpilotprojekte in Berlin, München, Ludwigshafen und Dortmund brachten die Antwort: Er schafft es! Damit konnte der private Rundfunk Anfang 1984 starten.

Während das sogenannte „Verlegerfernsehen“ Sat 1 von seiner öffentlich-rechtlichen Konkurrenz so weit entfernt nicht war, haute RTL gleich auf die Pauke. Bei der Spielshow „Tutti Frutti“ gab es nur eine Regel: Möglichst viele Models lassen in möglichst kurzer Zeit ihre nackten Brüste ins Publikum blitzen. RTL-Gründervater Helmut Thoma fand die unwiderstehliche Formel: „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Fernsehen wurde Marktwirtschaft – wie auch anders, wenn nur die Werbung das Programm finanziert?

Das Privatfernsehen hat dem Medium seine über die Jahrzehnte von ARD und ZDF aufgebaute Autorität genommen. Aus der Besserungsanstalt wurde ein Jahrmarkt, aus dem Friss-oder-stirb-Angebot ein Nachfrage-Medium. Der Zuschauer wurde aus seiner Unmündigkeit entlassen. 30 Jahre und 200 private Sender später darf, kann, muss sich jeder vor dem Bildschirm entscheiden: Mache ich mich mit Fernsehen schlauer oder dümmer?

Erfrischend anderes Fernsehen funktioniert(e) auch als erschreckend anderes Fernsehen. Vielfalt trifft Einfalt. Sozialdarwinistische Experimente à la „Big Brother“, Krawall-Talkshows wie „Der heiße Stuhl“, jedwede Form der Selbstentblößung im Beichtstuhl-TV, die Ekelspiele im „Dschungelcamp“, viele Wegmarken kannten und kennen RTL & Co. auf dem Weg zum Publikum. Darf man das auch fair, liberal und demokratisch nennen, wenn Medien nicht mehr von oben nach unten senden, wenn die Masse die Elite in die Quotenflucht schlägt? Wahlfreiheit ist keine Geschmacksfrage, das gilt für das Ausfüllen des Stimmzettels ebenso wie für das Drücken der Fernbedienung.

Aber die Befreiung des Fernsehens aus der Plan- hinein in die Marktwirtschaft hat Wirkungen und Nebenwirkungen. Konvergenz heißt das Stichwort, unter dem sich die gebührenfinanzierte Alternative der kommerziellen Konkurrenz anverwandelt hat. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich RTL und Sat 1 mehr angenähert als umgekehrt. In der Entwicklung des Mediums steckt hier das größere Versagen, weil es ohne Not und schon gar nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus geschieht. Gebühren und Werbeerlöse sind zwar zwei Seiten der TV-Medaille, aber zwei eindeutig unterschiedliche Seiten. Zugleich sind die privaten Sender so reif wie satt geworden: Wo früher Innovation und Improvisation Programm waren, da regiert heute das Immergleiche, Castingshows oder „Wer wird Millionär?“ nur zum Beispiel genommen. Der Erfolg hat nicht mutiger, er hat mutlos gemacht.

Und es geht weiter, es geht von der sozialen zur individuellen TV-Wirtschaft. Zuschauer wollen es, Inhalteanbieter offerieren es: Fernsehsendungen werden Content. Heißt: meine Lieblingssendung jetzt und gleich auf meinen Screen laden. Die Streaming-Portale versprechen 24-Stunden-Befriedigung. Warten war gestern. ARD wie RTL können nur mit Liveprogramm (Fußball) und Exklusivfernsehen („Tatort“, „Breaking Bad“) die eigene Zukunft retten. Das Privatfernsehen hat das Lagerfeuer ausgetreten, jetzt müssen Leuchtraketen gezündet werden.

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