300. Geburtstag : Der Alte Fritz war nicht unfehlbar

Genauso wie Oskar Schindler und Albert Schweitzer. Selbst Gandhi war nicht perfekt, sagt Harald Martenstein. Auch wir werden in 300 Jahren, den Nachgeborenen ebenfalls ein wenig unperfekt vorkommen, barbarisch, oder sogar doof, wer weiß schon, was in 300 Jahren geistig angesagt ist.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Zum 300. Geburtstag des sogenannten Alten Fritz veranstaltete Anne Will eine Talkshow. An dieser Talkshow nahmen verschiedene kluge Menschen teil, sowie Jutta Ditfurth, die ich anders charakterisieren würde. Jutta Ditfurth zeigte sich tief empört über den Alten Fritz, weil dieser Kerl Kriege geführt hat und kein Demokrat war.

Beides stimmt. Außerdem besaß der Alte Fritz keinen Führerschein, er erleichterte den preußischen Frauen nicht die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, er drückte sich vor den Themen Kündigungsschutz, Ökologie und Fluglärm. Safer Sex hat er wahrscheinlich auch nicht praktiziert. Er war ein Mensch des 18. Jahrhunderts. Er fand eine Welt vor, die andere Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ hatte als wir Heutigen. Von diesen Vorstellungen konnte er sich in einigen Bereichen ein wenig lösen, was eine erstaunliche Leistung ist. Wem von uns gelingt das schon? Fritz schaffte die Folter ab, da war er weiter als George W. Bush, als erster Monarch Europas führte er eine begrenzte Pressefreiheit ein. Aber in einen Menschen des 21. Jahrhunderts konnte er sich so wenig verwandeln, wie Jutta Ditfurth sich mental in eine Rokokodame verwandeln könnte.

Weil die Geschichte immer weitergeht, werden wir, in 300 Jahren, den Nachgeborenen ebenfalls ein wenig unperfekt vorkommen, barbarisch, oder sogar doof, wer weiß schon, was in 300 Jahren geistig angesagt ist. Ich verrate, weil Sonntag ist, noch ein weiteres Geheimnis: Menschen, die in irgendeinem Bereich Großes leisten, sind selten unfehlbar. Oskar Schindler war ein Held, seine Frau aber hat er ziemlich mies behandelt. Albert Schweitzer hat in Wutanfällen Afrikaner verprügelt, Gandhi hegte zeitweise Sympathien für Adolf Hitler, Mutter Teresa verbot es, Leidenden Schmerzmittel zu verabreichen und führte Zwangstaufen durch. Irgendwas findet sich immer, vermutlich sogar bei Jutta Ditfurth.

Auf die Idee, Folter zu verbieten, muss man trotzdem erst einmal kommen, in einer Welt, in der Folter so normal ist wie bei uns der Lohnsteuerjahresausgleich.

Berlin wäre, ohne den Aufstieg Preußens, ein langweiliges Nest geblieben. Es hätte womöglich ewig im Schatten von Hannover gestanden. Berlin wurde eine interessante Weltstadt vor allem durch die erfolgreichen Kriege Preußens. Wenn man das erwähnt, verteidigt man nicht den Krieg, man erinnert nur daran, wie kompliziert Zusammenhänge sein können. Frieden war bei den Völkern immer beliebter als Krieg, aber eine Friedensbewegung, die Kriege grundsätzlich ablehnt, gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Und wo entstanden die ersten Friedensvereine? In den USA. Trotzdem, fürchte ich, wird Jutta Ditfurth auch an den USA kein gutes Haar lassen.

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