Meinung : 32 Wochen bis zur Wahl: Die Botschaft des Barometers

Die Jagd ist auf, auch wenn es vorerst nur Spekulationen sind, denen das Heißa der Weidmänner und der krönende Schuss gilt. Immerhin: die Ergebnisse, die das ZDF-Politbarometer ins Land hinaussendet, zeigen, dass die Parteienlandschaft in Bewegung ist. Die Grünen erstmals im Sturzflug unter die parlamentarische Überlebensgrenze, Stoibers Kanzler-Kandidaten-Bonus schon verbraucht, die SPD also wieder in Tuchfühlung zur CDU und Bundeskanzler Schröder in beruhigender Führung - da rattern die Koalitions-Rechenmaschinen. Rot-Grün passé? Die FDP wieder das Zünglein an der Waage? Oder steigt am Ende doch noch einmal das Geisterbild der Großen Koalition aus den Fluten dieses Wahlkampfs? In Wahrheit verraten die neuen Umfragezahlen doch nur, was die erste und verlässlichste Botschaft von Barometern ist: Das Wetter ist wechselhaft.

Tatsächlich belegen auch diese Umfragedaten in erster Linie die Unsicherheit der Wähler und insofern die Prämisse auch dieses Wahlkampfs, gerade dieses Wahlkampfs: Die Wahl ist offen - weil keine der Parteien ihrer Anhängerschaft sicher sein kann. Der Souverän, in Wahrheit ein nervöser Jedermann, der sich durch die Politik zappt, konditioniert von Medien und Schlagworten, ein Spiel von jedem Druck der Luft - was ist von ihm in den sieben Monaten bis zur Wahl zu erwarten als dies: dass er den Demoskopen noch oft offenbart, wie sehr er in seiner Meinung schwankt? Also steht SPD und Union eine lange Rallye durch das Auf und Ab von Erwartungen und Befürchtungen bevor, und auch die Grünen können hoffen. Bis dann - vermutlich - in den letzten Wochen die Tagesform über Sieg und Niederlage entscheidet.

Da muss man sich nicht wundern, wenn die Unruhe durch die Couloirs im politischen Berlin schleicht und die Umfragen ein Gewicht erhalten, das ihnen eigentlich gar nicht zukommen dürfte. Aber allen Dispositionen und Propositionen, zu denen sie herausfordern, haftet ein Hauch von Bodenlosigkeit an. Wenn Rot-Grün aus dem Spiel wäre - und das ist im Augenblick die wahrscheinlichste Prognose -, bleiben den Parteien nur Optionen, die sich aus der Politik der vergangenen drei Jahre heraus nicht ableiten lassen. Sowohl eine Koalition von SPD und FDP wie ein Bündnis von Union und FDP setzte voraus, dass die Parteien die Gräben überbrückten, an denen sie in dieser Legislaturperiode geschanzt haben - ganz zu schweigen von der Großen Koalition, die im Moment keiner auch nur zu denken wagt.

Ob sie dazu in der Lage sind, ist zweifelhaft. Wie eingesperrt in ihre Ängste und Hoffnungen wirken sie zur Zeit. Ihr Bild wirkt selbst auf gutwillige Wähler frustrierend. Der Kanzler und seine Partei, in die Defensive getrieben von der Wirtschaftslage und genervt von den Schwachstellen seiner Regierung, setzen auf einen Konjunktur-Aufschwung, von dem keiner weiß, woher er kommen soll. Die Opposition hofft, dass der Gegenwind, der dem Kanzler entgegenschlägt, ihr die Segel füllt - und dass Stoiber der Wunder-Mann sein möge, der diese ihr zugefallene Chance in Stimmen umsetzt. Das aber unterwirft sie noch stärker dem Fatalismus der Umfragezahlen.

Aber vielleicht entscheidet sich der Wahlkampf an der Frage, wer sich aus den Positionen und Blockaden der vergangenen Jahre lösen kann. Wer einen Weg ins Freie findet oder ihn wenigstens sucht, sichtbar und glaubhaft für die Wähler. Und wer sich nicht von den Gesetzen des Wahlkampfs beherrschen lässt, der Maxime der Zuspitzung und dem Druck zur Geschlossenheit. Wer also etwas wagt.

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