34. Evangelischer Kirchentag : Glaube ohne Kampf

Von Noah über Jesus bis Martin Luther galt, dass der Einzelne vom Gros der ignoranten Masse verspottet und gehetzt wurde. Doch mittlerweile schwimmen die Evangelen nicht mehr gegen den Strom, sie sind der Strom. Ist das als Identitätskrise oder als Befreiung zu deuten?

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In Ruhe einen Tee trinken: Der 34. Evangelische Kirchentag steht kurz bevor. Doch welche Akzente sollen gesetzt werden, sind doch die protestantischen Ideale längst keine Prophezeiungen mehr?
In Ruhe einen Tee trinken: Der 34. Evangelische Kirchentag steht kurz bevor. Doch welche Akzente sollen gesetzt werden, sind doch...Foto: dpa

Es ist vollbracht. Deutschland steigt aus der Atomkraft aus, schafft die Wehrpflicht ab, bekämpft Rassismus und Korruption, stellt sich den dunklen Kapiteln seiner Vergangenheit, kümmert sich um die Dritte Welt, strebt nach Emanzipation und Gleichheit, will ehrlicher und nachhaltiger wirtschaften, fairer handeln, den Kapitalismus zähmen, die Schöpfung bewahren, den Frieden fördern. Was ist das? Es ist eine Zusammenfassung der Großthemen, über die in den vergangenen Jahrzehnten auf Evangelischen Kirchentagen debattiert wurde. Und es liest sich zugleich wie eine Zustandsbeschreibung der aktuellen Trends. Protestantisches Ideal und gesellschaftliche Wirklichkeit kommen in diesem Land immer mehr zur Deckung.

Kirchentage setzen Akzente. Doch der zeitliche Abstand zwischen Akzentsetzung und Realisierung hat sich drastisch verringert. Was früher programmatisch- prophetische Forderungen waren, gerichtet an mächtige uneinsichtige Kräfte, klingt heute so wohl vertraut wie eine Euro-Rettungsrede von Angela Merkel. Wenn also, wie in der kommenden Woche in Hamburg, die rund 100 000 Teilnehmer des 34. Kirchentages auch klimaeffizient verpflegt werden, so kann man davon ausgehen, dass die Betreiber der Bundestagskantine schon sehr bald nachziehen. Denn die Zeitläufte atmen den protestantischen Geist. Die Evangelen schwimmen nicht mehr gegen den Strom, sie sind der Strom.

Es mag Zufall sein oder nicht: Auf der Liste jener Politiker, die jüngst jäh abstürzten, finden sich ausschließlich Katholiken. Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff, Norbert Röttgen, Annette Schavan. Auch im Kabinett ist die konfessionelle Balance dahin. Selbst die Funktionselite der CDU wird von Protestanten beherrscht. Und nicht nur personell haben sich die religiösen Gewichte verschoben, sondern auch auf kulturell-moralischer Ebene. Ethische Fragen – ob Abtreibung, Ehe, Homosexualität oder Sterbehilfe – werden von der Gesellschaft zunehmend in die Selbstbestimmung des Einzelnen gelegt. Der eher katholisch verwurzelte Dogmatismus von richtig und falsch wird als anachronistisch empfunden. Tolerant bei der Lebensführung, rigide bei der Weltverbesserung: Das entspricht der Tendenz.

Dieser Befund drängt die evangelischen Christen in Deutschland in eine neue Rolle. Sie müssen nicht mehr kämpfen für ihre Weltsicht, weil diese Sicht inzwischen um sie herum dominiert. Es ist ein ungewohntes, womöglich gar befremdliches Gefühl. Von Noah über Jesus bis Martin Luther galt stets, dass der Einzelne mit viel Mut und edler Überzeugung vom Gros der ignoranten Masse verspottet und gehetzt wurde. Jetzt auf einmal sieht sich dieser Einzelne von lauter Gleichgesinnten umgeben. Das beglückt und irritiert zugleich. Wozu glauben, wenn die Schlacht geschlagen ist?

Diese Frage zielt ins Zentrum der protestantischen Identitätskrise. Kirchentage sind große, bunte, fröhliche und fromme Feste. Den Charme bezogen sie lange Zeit aus ihrer seismografischen Funktion und gesellschaftsprägenden Dynamik. Die enge Koppelung von Glaube an Kampf aber hat sich überholt. Das bedeutet keineswegs nur Verlust, es kann auch als befreiend empfunden werden. Der Befreiung von der übergroßen Sorge um die Welt folgte dann das Freisein für die Sorgen des Nächsten. Vielleicht macht Hamburg den Anfang.

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