Meinung : 37 neue Kardinäle - Der Papst regelt sein Erbe: Very Old Economy

Martin Gehlen

Jeder sechste Mensch ist Katholik. Ihre Kirche ist die größte Organisation, oder auch: die größte Firma, der größte Verein, den es auf dieser Erde gibt. Doch der Chef ist alt und regelt sein Erbe. Gestern wählte er die künftige Führung dieses Global Players aus. Abenddämmerung im Vatikan: Wahrscheinlich zum letzten Male in seiner Amtszeit hat der 80-jährige Papst Johannes Paul II. neue Kardinäle ernannt. Damit steht der Kreis, aus dem der nächste Chef kommen wird, wohl endgültig fest.

118 der 128 wahlberechtigten Purpurträger, die nun diesem obersten Senat der katholischen Kirche angehören, sind durch die Hand von Karol Wojtyla verlesen. Wie kein anderer Papst der Neuzeit war Johannes Paul II. wegen seiner Rekordamtszeit in der Lage, die Weichen für einen ihm genehmen Nachfolger zu stellen. Nach menschlichem Ermessen hat er sein kirchenpolitisches Erbe effektiv geordnet. Seine grundlegenden Lehrschreiben, welche in allen Fragen der Morallehre und Kirchendisziplin die traditionelle römische Linie kompromisslos einschärften, untermauerte er nach Kräften durch Führungspersonen, die sein zentralistisches Kirchenbild teilen. Doch Kardinäle sind keine Marionetten. Sie unterliegen weder einem imperativen Mandat, noch müssen sie bei ihrer Ernennung einen kirchenpolitischen Loyalitätseid ablegen. Sie sind auf Lebenszeit ernannt, der amtierende Pontifex kann ihnen das Papstwahlrecht nur bei schwersten persönlichen Verfehlungen entziehen. Und so mancher von ihnen hat durch neue Aufgaben, veränderte Lebenserfahrungen oder einen heilsamen Praxisschock erstaunliche innere Entwicklungen zurückgelegt.

Insofern bleibt die katholische Kirche für Überraschungen gut. So war Johannes XXIII. bei seiner Wahl 1958 ein völlig unbeschriebenes Blatt, gehandelt als theologisches Leichtgewicht und Übergangskandidat. Und doch war es gerade dieser Papst, der die katholische Kirche in das Zweite Vatikanische Konzil führte und für den Dialog mit der Moderne öffnete. Die aus seinen Tagebüchern sprechende Frömmigkeit, aber auch sein persönlicher Horizont muten heutigen Lesern eigentümlich fremd und naiv an. Trotzdem gehört dieser Mann zu den ganz Großen der 2000-jährigen Kirchengeschichte. Die Kardinäle sind nicht unfrei, das Innere der Kirche ist es auch nicht: Denn trotz der römischen Machtfülle gibt es ungeschriebene Gesetze, die dem päpstlichen Direktionsrecht Grenzen setzen.

So haben nicht nur große Diözesen, sondern auch Träger wichtiger Kurienämter traditionell einen Anspruch auf den begehrten Kardinalshut. Zwar kann Rom einen verdienten, aber ungebliebten Bischof wie Karl Lehmann immer wieder übergehen. Nicht jedoch den Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Dieser Kurienbischof heißt seit März 1999 Walter Kasper. Ihn zu brüskieren, ist praktisch unmöglich. Hier zwingen die ungeschriebenen Gesetze dem Papst ein Stück Pluralität ab.

Walter Kasper war es, der für den Verbleib der deutschen Kirche in der Schwangerschaftsberatung eintrat und der in den zurückliegenden Monaten wie kein anderer Oberhirte gegen das Regiment des nahezu allmächtigen Präfekten Joseph Ratzinger Front gemacht hat. Kasper hat nicht nur öffentlich der Darstellung Ratzingers widersprochen, das umstrittene Schreiben Dominus Iesus, das den Protestanten das Prädikat Kirche aberkennt, sei Konsens. Er fügte auch noch treffsicher hinzu, es habe während der Arbeit an dem Text keine reale Möglichkeit für kritische Einwände gegeben.

Der für die Ökumene zuständige neue Kardinal hat zudem öffentlich beklagt, die von Ratzinger betriebenen Zentralisierungstendenzen führten mittlerweile zu einem "mentalen und praktischen Schisma" zwischen den römischen Lehrnormen und der Lebenspraxis der meisten Christen. Auf deutschem Boden wird sich dieses Schisma dramatisch vertiefen, wenn Rom tatsächlich gegen den Limburger Bischof Franz Kamphaus Front macht, der trotz des vatikanischen Verbots bei der Schwangerschaftsberatung weiter Scheine ausstellen lässt. Noch herrscht hinter den vatikanischen Mauern offiziell Schweigen, doch die Vorbereitungen gegen den widerspenstigen Oberhirten laufen. Kommt es zum Schwur, wären Teile des deutschen Kirchengebälks einsturzgefährdet. Das ist auch Kasper bewusst, der sich mit Ratzinger anlegen konnte, weil er liberalere Teile der Kurie hinter sich weiß. Das Rennen um die Nachfolge Johannes Paul II. ist also keineswegs gelaufen. Aber die letzte Runde ist eingeläutet.

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