5 Jahre Sürücü-Mord : Vergesst Hatun nicht

Wenn wir Hatun Sürücü gedenken, ehren wir damit Menschen, die mitten in Deutschland für etwas kämpfen, das für die meisten von uns selbstverständlich ist: Freiheit.

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Vor fünf Jahren wurde Hatun Sürücü auf offener Straße mitten in Berlin ermordet. Wenn wir heute ihrer gedenken, dann denken wir auch eine unbekannte Zahl anderer Mädchen und Frauen, deren Namen und Lebensläufe weniger bekannt sind. Wir ehren damit Menschen, die in unserem Land für etwas gekämpft haben, das den meisten von uns so selbstverständlich ist, dass wir gar nicht mehr wissen, was sie uns wert sein muss: die Freiheit.

Sie war jung, als die Schüsse ihres Bruders sie getötet haben. Aber sie hatte schon viel gewagt, gemeistert, geleistet, um leben zu können, wie es für die meisten Mädchen in Deutschland, gleich welcher sozialen, religiösen, ethnischen Herkunft, möglich ist. Einen Schulabschluss machen, der ihren Fähigkeiten entspricht: Hatun musste nach der 8. Klasse das Kreuzberger Gymnasium verlassen. Den Mann finden und heiraten, den sie liebt: Hatun wurde mit 16 Jahren zwangsverheiratet. Sie kehrte schwanger nach Berlin zurück. Als alleinerziehende Mutter machte sie den Hauptschulabschluss nach. Als sie starb, stand sie wenige Tage vor dem Abschluss ihrer Gesellenprüfung. Ihr Sohn Can war gerade sechs, seine Mutter war am 7. Februar 2005 erst 23 Jahre alt.

Ihr Tod hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Er hat ins allgemeine Bewusstsein gerückt, dass es da etwas gibt in Deutschland, was wir lieber nicht gesehen hätten. Zwangsehen, Mord im Namen der Familienehre, Unterordnung individueller Selbstbestimmung unter Clanbeschlüsse, die Herrschaft von Brüdern über ihre Schwestern, von Vätern über Frauen, Töchter, Söhne.

Gesehen haben wir es auch deshalb nicht gern, weil es gar nicht so lange her ist, dass ähnliche Erscheinungen zu unserer Mehrheitskultur gehört haben. Was in langen, anstrengenden Kämpfen um Freiheit und Emanzipation überwunden wurde, kommt nun zu uns gewandert aus anderen Ländern, aus anderen Kulturen und die Versuchung ist groß, es sich vom Leibe zu halten – so oder so. Sie zeigt sich im Unvermögen, den Sürücü-Mord juristisch zu bewältigen. Das erste Urteil ist folgenlos aufgehoben. Die vermutlich tatbeteiligten Brüder werden von der Türkei nicht ausgeliefert, während die mutige Zeugin ein Leben im Zeugenschutzprogramm führen muss.

Die Abwehr entlädt sich in pauschalen Diskriminierungen von Migranten. Eine ehrliche Sicht auf das Problem verstellt aber auch die Beteuerung, dass „nicht alle“ Migranten falschen Ehrbegriffen folgen, oder „nicht alle türkischen Mädchen“ so unterdrückt würden. Denn das behauptet niemand. Merkwürdig ist die neue Kaltherzigkeit, mit der Frauen wie Necla Kelek oder Seyran Ates, die für Recht und Freiheit viel riskieren, neuerdings ein „Fundamentalismus“ der Aufklärung und der Menschenrechte vorgeworfen wird. Und hilflos ist schließlich die sympathische Angst, dass ein entschiedenes Nein zu Ehrenmord und Zwangsehe die Migranten treffen könnte, die unsere Verfassungsgebote achten. Doch mit „Ehrenmorden“ und Zwangsehen in Deutschland kann es ein tolerantes Zusammenleben nicht geben.

Sie schien „nicht für uns gemacht“, die Freiheit. So zitiert Necla Kelek jüngst ein melancholisches Wort ihrer Mutter. Hatun Sürücü hat sie gewollt, die Freiheit, und hat sie sich genommen. Sie war ein Mensch mit großem Mut und ungewöhnlicher Lebenskraft. Deshalb vergessen wir sie nicht.

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