50. Funkausstellung : Dritte Dimension

Noch selten war die elektronische Zukunft so bunt und so aufregend wie in diesen rot-grünen Zeiten, selten noch musste sie jeder in seine eigene Hand nehmen. Das Leben ist 3-D, reagiert jedoch nicht auf Knopfdruck.

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Auf der Funkausstellung wird es bunt.
Auf der Funkausstellung wird es bunt.Foto: dpa

Die Zukunft ist rot-grün. Aber wer diese Zukunft haben will, der muss sich die entsprechende Brille aufsetzen. Bei der Internationalen Funkausstellung vom 3. bis 8. September in Berlin wird sie der Renner bei Fachbesuchern und Publikum werden. Denn die rot-grüne Sehhilfe verspricht ein weiteres Stück vom Paradies – dreidimensionale Bilder für Computer, Kino und Fernsehen. Der Vorstoß in die dritte Dimension soll den Nutzer, den Zuschauer mit allen Sinnen gefangen nehmen. Nicht mehr nur dabei, sondern mittendrin, so real wie irgend möglich soll er miterleben, was künstlich und kunstvoll kreiert worden ist. Die Produzenten der Inhalte, der Übertragungstechnik und der Endgeräte formulieren ein neues Glücksversprechen: mehr Raum für unsere Wahrnehmung – und damit für unsere Träume. Was als „Avatar“ ein betörender Kinohit war, soll im Heimkino nach Lust und Laune reproduzierbar, spürbar werden.

Die Veranstalter und Aussteller in Berlin setzen auf Überwältigung. Durch die Hereinnahme der Haushaltstechnik vor zwei Jahren, durch den konsequenten Fokus auf verbrauchernahe Heimelektronik ist die Funkausstellung – vor „Cebit“ oder „Photokina“ – das Schaufenster und der Seismograf für den digital aus- und aufgerüsteten Verbraucher geworden. Der HD-Fernseher wird 3-D-Fernseher, wird Hybridfernseher, bei dem sich TV und Internet verbinden, das Smartphone versammelt alle Bilder, Texte und Töne auf Tastatur und Display, die „IFAeLibrary“ will eBook und Tablet-PC zum Trend erheben. Das All-inclusive-Gerät, mobil und multimedial ausgestattet, soll zum Lebenspartner werden.

Die Apparaturen werden immer schlauer, heißt es. Eigentlich bleiben sie so stumm und dumm wie immer, entscheidend ist, wie klug der Käufer sie nutzt. Die Ifa, getrimmt auf Zuwachs im sonnigen Konsumklima, bietet ihm ein Schlaraffenland der Möglichkeiten und Verführungen. Haben aber nicht viele, zu viele sich einen wunderbaren Flachbildschirm mit HD-Aufkleber nach Hause getragen, um dann kein neues TV-Feeling zu erleben? Weil die Produktion nicht High Definition war, die Ausstrahlung nicht, der Transport nicht, die Sitzposition nicht. Beim nochmals teureren 3-D-Fernseher kann sich diese Frustration wiederholen. Oder das eBook: Ganz genau muss der Interessent hinschauen, ob mit dem Gerät die gewünschte Literatur heruntergeladen werden kann oder eben nur die Titel, die die verschiedenen Verlage für die jeweils verschiedenen eBooks bereitstellen.

Mit der 50. Ifa werden wir in neue Medien-Galaxien aufbrechen können. Mehr Produkte, mehr Technik denn je wird es für tausendundeinen Wunsch geben. Die Branche wird dem umworbenen Kunden suggerieren, dass Bedürfnis und Bedarf dasselbe sind. Sind sie natürlich nicht. In dem Maße, in dem die Apparate immer mehr in die Rolle eines Glücksbringers schlüpfen, in dem Maße wird der Massenkonsument die Herausforderung für sich klären müssen, ob er als Brillenträger wirklich eine zusätzliche 3-D-Brille aufs Gestell stülpen will. Oder ob er sich mit seinem Kühlschrank darüber unterhalten will, welche Biermarke eine Beleidigung fürs Aggregat ist. Noch selten war die elektronische Zukunft so bunt und so aufregend wie in diesen rot-grünen Zeiten, selten noch musste sie jeder in seine eigene Hand nehmen. Das Leben ist 3-D, reagiert jedoch nicht auf Knopfdruck.

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