50 Jahre Anwerbeabkommen : Ein ohrenbetäubendes Schweigen

Kein Denkmal wird feierlich enthüllt, kein Einwanderungsmuseum eröffnet. Die Party zu 50 Jahren Anwerbeabkommen ist abgesagt. Andrea Dernbach wünscht sich dennoch etwas - für die Zukunft. Ein Kontrapunkt.

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Der 24-jährige Türke Ismail Babader (l) wird am 27.11.1969 in München als der 1.000.000 Gastarbeiter aus Südost-Europa begrüßt. Der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl (M) empfing ihn auf dem Hauptbahnhof mit einem Fernsehapparat als Begrüßungsgeschenk. Rechts ein Reporter, der den Neuankömmling interviewt.Alle Bilder anzeigen
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23.10.2011 10:38Der 24-jährige Türke Ismail Babader (l) wird am 27.11.1969 in München als der 1.000.000 Gastarbeiter aus Südost-Europa begrüßt....

„Wo bleibt die Party?“ fragte kürzlich die Hamburger „Zeit“ auf ihrer ersten Seite. Die Frage kann man stellen. In diesem Jahr, exakt am kommenden Montag, wird die türkische Einwanderung nach Deutschland 50 Jahre alt.

Doch die Formel, die auch im Tagesspiegel für solche Fälle im Stehsatz liegt und bei jedem Festredner unter den Versatzstücken, bleibt diesmal dort: „Am 31. Oktober feiert Deutschland den 50. Jahrestag der…“ Ach was. Kein Denkmal wird feierlich enthüllt, kein Einwanderungsmuseum eröffnet. Und die große Sause auf höchster politischer Ebene, die mit den Regierungschefs Merkel und Erdogan, ist auf Anfang November verschoben. Terminprobleme.

Wer überhaupt feiert, tut’s im Familienkreis und im Kiez. In der Kreuzberger Adalbertstraße, mitten im Herzen des türkischen Berlin, bringt es ein Werbebanner – Werbung für den Jubiläumsbeitrag des Theaters Ballhaus Naunynstraße  - gerade auf die listige Formel „50 Jahre Scheinehe“. Genau. Goldene Hochzeit feiern solche Paare vermutlich nicht.

Aber dieses Schweigen ist ohrenbetäubend. Es steht in heftigstem Kontrast zu den schrillen und anhaltenden Debatten um Islam und Integration, Kopftücher und Bildungsverlierer, Unterschichten und Jugendkriminalität, „Parallelgesellschaften“ und Ehrenmorde. Noch immer verteilt die öffentliche Debatte in Fernsehen, Zeitungen, Radio und Wahlkämpfen das Etikett „Vorsicht, feuergefährlich“ lieber als eine Unbedenklichkeitsbescheinigung.

Der Satz, Deutschland sei kein Einwanderungsland, ist, zum Glück, inzwischen so was von vorgestern. Aber für „Deutschland ist ein Einwanderungsland“ muss man nach wie vor erst einmal tief Luft holen. Und lässt es dann lieber. Die Party ist abgesagt, weil die potenziellen Teilnehmer Schnappatmung befürchten.

Es gibt noch ein anderes Schweigen. Auch viele Migranten, die arrivierten vor allem und das sind ziemlich viele, haben keine Lust zu feiern oder nur, auf diese fünfzig Jahre angesprochen zu werden. Das mag in einzelnen Fällen an schmerzlichen Erinnerungen liegen oder daran, dass man selbst es geschafft hat und nicht gern an die weniger Glücklichen erinnert wird, die den Diskurs über „die Türken“ so erstickend beherrschen.

Aber nicht wenige wollen endlich einfach für das genommen werden, was sie sind, durch Glück, Genie, Verstand, Fleiß. Sie wollen als erfolgreiche Architekten, begeisterte Ärztinnen, preisgekrönte Autorinnen akzeptiert und nicht jedes Mal gefragt werden, warum sie so ausgezeichnet deutsch sprechen und wie sie es, mit diesem Hintergrund, an die Uni geschafft haben. Auch sie wollen selbstverständliche Teilhabe.

Und das ist nichts anderes als das, was jede Menschenrechtsgarantie beschwört: ohne Ansehen von Rasse, Geschlecht, Nation und Glauben. „Integration“ ist ein ganz schlechtes Ersatzangebot, für sie vor allem. Die haben sie längst selbst geschafft, ganz ohne die Hilfe staatlicher Beauftragter.

Auch wenn die Party zu diesem runden Jubiläum noch ausfällt: Darf man sich was wünschen? Zum Beispiel, dass das laute Beschweigen und das laute Beschwätzen in den nächsten Jahren die Plätze wechseln. Dass einfach öfter mal geschwiegen wird, statt die angebliche Gewaltneigung muslimische Muslime zu beschwören, dass konkrete Gewalt bekämpft wird, notfalls mit (Polizei-) Gewalt, ohne ihr immer ein „Na typisch!“ hinterherzuschreien. Das hilft nie, verletzt aber zuverlässig andere, die sich als Muslime ebenfalls angesprochen fühlen müssen.

Probieren wir’s aus, einfach mal den Mund zu halten. Vielleicht ist es nach zehn Jahren Schweigekur auf allen Talkshow-Sofas, Schulkonferenzen, in sämtlichen Leitartikeln und Denkschriften, geschafft und wir können zur Diamantenen Hochzeit die Sektkorken knallen lassen. Aus der Schein- wäre dann eine grundsolide Vernunftehe geworden und in Festreden und Nachrichtenagenturen wird es endlich heißen: „Deutschland feiert heute den 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens.“

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