• 50 Jahre Auswärtiges Amt: Außenpolitik ist in den letzten 50 Jahren nicht unwichtiger geworden - nur kleiner

Meinung : 50 Jahre Auswärtiges Amt: Außenpolitik ist in den letzten 50 Jahren nicht unwichtiger geworden - nur kleiner

Christoph von Marschall

Der zweitmächtigste Politiker, das sagt sich leicht dahin. Ist auch etwas dran? Der Außenminister ist seit langem auch Vizekanzler. Dass es vor 50 Jahren anders begann, unterstreicht nur die Bedeutung: Bundespräsident Heuss ernannte Kanzler Adenauer am 15. März 1951 zum ersten Außenminister der Bundesrepublik, weil die Aufgabe nur als Chefsache gelingen konnte: Stück für Stück Handlungsfähigkeit für den jungen, besetzten Staat zurückzugewinnen.

Es dauerte vierzig Jahre, bis die Bundesrepublik das Ziel erreichte: Uneingeschränkt souverän ist Deutschland seit den Zwei-plus-vier-Verträgen 1990. Die stärkste Wirtschaftsmacht Europas, die größte Armee - der deutsche Außenminister kann international ein gehöriges Potenzial geltend machen. Die Bedeutung der Außenpolitik wird durchaus empfunden: Drei Viertel der befragten "Tagesspiegel"-Leser sagten jüngst, sie seien "sehr interessiert" an Außenpolitik - ihre dritte Priorität mit nur geringem Abstand hinter "Berlin" und "Bundespolitik".

Nur, was ist das überhaupt noch für eine Souveränität? Hat Deutschland die freie Wahl, sich nicht an den Raketenabwehrplänen der USA zu beteiligen, im Kosovokrieg der Nato abseits zu stehen, in der EU sich gegen Frankreich zu positionieren?

Die USA sind vielleicht das letzte Land, das im klassischen Sinne Außenpolitik betreibt - was sich in der Sprache spiegelt: In Washington redet man davon, Macht zu projezieren, sei es militärische oder ökonomische. Nicht in Berlin. Amerika kann Pate und Vermittler der Friedensverhandlungen von Irland bis Nahost sein. Und Deutschland? Ach was. Wenn schon, dann irgendwann Europa.

Deutschland ist in vielfältige supranationale Organisationen eingebunden, seine Außenpolitik spielt sich mehr und mehr in Expertenrunden ab, die ein gigantisches Regelwerk immer weiter fortschreiben und verfeinern: Stimmengewichtungen, Agrarsubventionen, Exportrichtlinien in der EU; Feilschen um den internationalen Klimaschutz oder um Flüchtlingskontingente bei der Krisenbeherrschung, Abstimmung der Haltung zu Chinas Tibet-Politik mit wichtigen Partnern. Einer Inflationierung der Treffen, Konferenzen und Gipfel steht eine Verknappung von Ereignissen entgegen, die noch als "historisch" empfunden werden.

Die klassische Aura hatte deutsche Außenpolitik nur auf dem Weg zur Souveränität - nicht mehr, seit Deutschland wieder Deutschland ist. Bedeutungsschwer, in ihrer Steifheit bisweilen unfreiwillig komisch, anrührend auch - so nehmen sich die Bilder von den Wegmarken nach dem Krieg heute aus. Gehrock und rote Teppiche, nichts von der angeblichen Leichtigkeit des Diplomatenlebens der Lackschuhe, Champagnerkelche und tanzenden Kongresse. Adenauer und die Hohen Kommissare, der Bittgang in den Kreml, um die deutschen Kriegsgefangenen frei zu bekommen, die ersten Schritte europäischer Zusammenarbeit, Wiederbewaffung und Nato-Beitritt, die Unterzeichnung der Ostverträge, Aufnahme in die Vereinten Nationen, Helmut Kohl nach dem Mauerfall mit Gorbatschow, Bush senior, Mitterrand und Maggie Thatcher.

Die großen Emotionen, die identitätsstiftenden Momente - wo wären sie heute noch denkbar? Die Versöhnungsmesse mit Frankreichs de Gaulle in der Kathedrale von Reims und John F. Kennedy in Berlin, beides Symbole der Westbindung. Oder Brandts Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal. Die Umarmung mit Polens erstem demokratischen Regierungschef, Tadeusz Mazowiecki, 1989 in Kreisau, die Brüderküsse mit Boris Jelzin nach dem Untergang der Sowjetunion 1991 - Nachwehen der alten Zeit.

Braucht Deutschland in der Zeit der Globalisierung überhaupt noch Botschafter? Jedenfalls nicht für die klassische Außenpolitik. Sie mutiert langsam zu einer neuen Form der Innenpolitik. In der EU ist der Trend längst unübersehbar, die gemeinsame Politik greift heute mindestens so spürbar in den Alltag der Bürger ein wie die klassische Innenpolitik. Was unterscheidet Ministerrunden in Brüssel von nationalen Kabinettssitzungen? Außenpolitik hat an Gewicht gewonnen und großen Gesten verloren. Daran kann auch der zweitmächtigste Mann nichts ändern.

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