50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen : Wenn gute Wünsche helfen würden

Vor 50 Jahren nahmen Deutschland und Israel ihre Beziehungen auf - es bleiben besondere Beziehungen. Ein Kommentar.

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Eine Reise wert: Die Altstadt von Jerusalem mit Tempelberg und Felsendom.
Eine Reise wert: Die Altstadt von Jerusalem mit Tempelberg und Felsendom.Foto: Imago

Naor Narkis hat es derzeit nicht leicht. Kein Wunder, denn der junge Mann hat es in kürzester Zeit geschafft, die Mehrheit seines eigenes Landes gegen sich aufzubringen. Wie das? Ganz einfach, indem er seine vor allem jungen Mitbürger dazu aufruft, ihr Glück lieber woanders zu suchen.

Doch so einfach ist das eben doch nicht. Denn "sein Land", das ist Israel. Und "woanders", das ist Deutschland, genauer gesagt Berlin. Auch 50 Jahre nach dem Wunder des 12. Mai 1965, als die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem "Land der Täter" und dem "Land der Opfer" beschlossen wurde, ist das Verhältnis der beiden Staaten, vorsichtig ausgedrückt, ein besonderes.

Besonders ist es zum Beispiel in seiner Unwucht. Auffallend ist, dass das Interesse, die Neugier aufeinander auf der einen Seite deutlich größer ist als auf der anderen. Und dass eine Seite die andere viel kritischer sieht.

Viermal so viele Israelis besuchen Deutschland wie umgekehrt

Man könnte annehmen, dass die Deutschen sich mehr für Israel interessieren als umgekehrt. Zum Beispiel aus Verantwortung für die Nachfahren derjenigen, die wegen des Nazi-Terrors Deutschland und Europa verlassen mussten. Oder weil die Deutschen als Reiseweltmeister bekannt sind, die gerne Neues entdecken – immerhin gibt es da das jahrtausendealte Jerusalem, die Wiege der Weltreligionen. Oder vielleicht auch einfach nur, weil es in Tel Aviv schon im April 30 Grad haben kann und der 14 Kilometer lange Sandstrand am Mittelmeer zum Sonnenbaden einlädt.

Aber so ist es nicht. Viermal so viele Israelis haben Deutschland im vergangenen Jahr besucht wie umgekehrt – und dabei ist die deutsche Bevölkerung rund zehnmal so groß wie die israelische. Ein Missverhältnis. Denn nur mit dem Wissen übereinander wächst das Verständnis. Der ehemalige israelische Botschafter in Berlin, Avi Primor, bringt es in seiner Autobiografie auf den Punkt: "Man kann die Meinung des anderen für falsch halten oder sogar vehement ablehnen. Kennenlernen muss man sie dennoch, und verstehen sollte man sie auch."

Was daraus folgt, wenn das Wissen übereinander fehlt, aber die Meinung längst feststeht, merkt jeder, der schon einmal unvermittelt in eine "Kritik-an-Israel"-Diskussion gerutscht ist – aus der man friedlich am einfachsten wieder herausfindet, wenn man schlicht feststellt: We agree to disagree. Am heftigsten sind diese Diskussionen nämlich dann, wenn mindestens eine Seite noch nie in Israel war, aber genau weiß, was das Land alles falsch macht.

Es gibt sie, die Kluft zwischen dem offiziellen Deutschland und "den Deutschen". Denn nahezu jeder Spitzenpolitiker hat Israel schon einmal besucht und sich von der Realität vor Ort beeindrucken lassen. Wer es bisher noch nicht getan hat, fühlt sich häufig unwohl. So war es dem Berliner Innensenator Frank Henkel bei seiner Reise nach Tel Aviv und Jerusalem vor zwei Wochen sichtlich ein Bedürfnis zu erklären, warum das davor noch nie geklappt hatte.

Wenn die deutsche Politik so weit ist, sollte das eigentlich auf die Bevölkerung abfärben, oder? Das wäre ein schöner Wunsch zum 50. Geburtstag der deutsch-israelischen Beziehungen.

Deutschland ist für Israelis das beliebteste Land in Europa - und umgekehrt?

Zu diesem Verhältnis gehört auch, dass Deutschland für die Israelis mit Abstand das beliebteste Land in Europa ist, wie die Konrad-Adenauer-Stiftung jüngst ermittelt hat. Dazu passt, dass Israel-Besucher immer wieder begeistert erzählen, wie groß das Interesse an Deutschland ist – von Berlin über Hamburg bis zum Schwarzwald. Mehr als zwei Drittel der Israelis sehen die Bundesrepublik positiv – angesichts dieses Umfrageergebnisses 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs möchte man die Stimmung der Deutschen am liebsten unter den Tisch kehren. Denn nach Zahlen der Bertelsmann-Stiftung hat fast die Hälfte der Deutschen eine negative Meinung von Israel. Bei den jungen Deutschen zwischen 18 und 29 sind es sogar mehr als die Hälfte. Tendenz steigend.

Da Geburtstage aber ein Tag zum Feiern sind, sollte man das Beste hoffen. Zum Beispiel, dass die vielen jungen Israelis, die nach Berlin strömen, die überzeugendsten Botschafter ihres Landes sind. Dass sie Lust machen auf das ferne Land im "Nahen" Osten. Dass sie Freundschaften knüpfen, die ein Leben lang halten.

Naor Narkis hat es sich zu seiner Aufgabe gemacht, "Olim le Berlin" zu rufen, auf nach Berlin. Das wird ihm zu Hause in Israel übel genommen, vielleicht zu Recht. Für die Berliner aber sollte es ein Grund zur Freude sein. Und ein Grund, um umgekehrt zu rufen: Auf nach Tel Aviv!

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