Meinung : 50 Jahre EGKS: Der Markt hat seine Schuldigkeit getan

Albrecht Meier

Am Anfang stand der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland. Merkwürdig fremd wirkt heute die Erinnerung an die Erbfeindschaft, die 1951 die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) begleitete. Aber der Krieg war gerade erst sechs Jahre vorbei. Als Konrad Adenauer und der französische Außenminister Robert Schuman den Blick nach vorn richteten, konnten sie schlecht das Trümmerfeld ignorieren, das hinter ihnen lag. Weil es die deutsche Stahlindustrie gewesen war, die zum europäischen Scherbenhaufen beigetragen hatte, war die Gründung der EGKS vor 50 Jahren ein politischer Akt - so wie später die Europäische Atomgemeinschaft und die Währungsunion.

Aber Europa hätte es kaum so zügig bis zum gemeinsamen Geld geschafft, wenn sich nicht Deutschland und Frankreich noch unmittelbar unter dem Eindruck des Krieges zum Souveränitätsverzicht entschlossen hätten.

Als Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande am 18. April 1951 den Vertrag über die Montanunion unterzeichneten, fand auch die Initialzündung für das heutige Europa statt. Dabei stand hinter dem gemeinsamen Markt für Kohle, Eisen und Stahl, der unter der Aufsicht einer gemeinsamen Hohen Behörde stand, ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Westdeutschland, dessen Stahlindustrie damals noch dem Ruhrstatut unterlag, hatte durch den Souveränitätsverzicht nichts zu verlieren, aber langfristig die Westbindung zu gewinnen. Frankreich sicherte sich über die Montanunion die Kontrolle über eine Bundesrepublik, die bald zum Wirtschaftswunderland wurde.

Große Reden auf die Montanunion gab es am Jahrestag weder in Brüssel noch in Berlin oder Paris. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist zur Selbstverständlichkeit, die Erinnerung an die Erbfeindschaft und ihre Überwindung zum historischen Stoff geworden - in nur 50 Jahren. Allein dies macht den gemeinsamen Markt, der damals entstand, zur Erfolgsgeschichte.

Allerdings lassen sich heute keine ordnungspolitischen Funken aus der Montanunion schlagen - vielleicht findet auch deshalb keine richtige Jubiläumsfeier statt. Ähnlich wie der EU-Agrarpolitik hängt der EGKS der Geruch der Überproduktion an, die den Gemeinsamen Markt in Verruf gebracht hat. Die Montanunion, die ursprünglich zum Zusammenschluss der Reviere im Herzen Westeuropas und zur Versorgung mit Kohle und Stahl gedacht war, wurde schnell zum Reparaturbetrieb. Schon in den fünfziger Jahren floss mehr Importkohle und Heizöl in den jungen Markt, als dieser konsumieren konnte. Ab den siebziger Jahren stand die Montanunion hauptsächlich vor der Aufgabe, der Stahlkrise durch Erzeugerquoten und Handelsbeschränkungen Herr zu werden.

Eines unterscheidet die Montanunion allerdings von der europäischen Agrarpolitik: Demnächst hat ihr letztes Stündlein geschlagen. Der EGKS-Vertrag läuft aus, und ab dem kommenden Jahr sollen die Gelder der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl der Forschung auf dem Montansektor zugute kommen. Ein schöner Tod - und immerhin eine Gewissheit: ein Platz im Geschichtsbuch.

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