Meinung : 55 Jahre nach der SED-Gründung: Die Hände zum Himmel

Matthias Meisner

Was haben alle den Kopf geschüttelt, als Oskar Lafontaine kürzlich Gregor Gysis neues Buch vorstellte. Langfristig habe er den Zusammenschluss von SPD und PDS angestrebt, erklärte Lafontaine. Und erkannte, wie unter der Führung von Gregor Gysi und Lothar Bisky die PDS mehr und mehr eine sozialdemokratische Partei würde. Das waren noch Zeiten, als Lafontaine Chef der SPD war: Das Verhältnis der beiden Parteien, auch belastet durch die Zwangsvereinigung 1946 von SPD und KPD, konnte als entspannt gelten.

Lafontaine ist in seiner Partei, keine Frage, zum Außenseiter geworden, die SPD als Regierungspartei zur Neuen Mitte - was nichts daran ändert, dass mindestens in der reformorientierten Führung der PDS die Sehnsucht groß ist, die Türen zu den Sozialdemokraten offen zu halten. Und diese Sehnsucht spricht, auch elf Jahre nach Gründung der PDS, aus fast jeder Zeile, wenn die Oberen der Partei ihr Verhältnis zum Zusammenschluss von KPD und SPD neu definieren. Die Misere der Linken ist ihre Spracharmut, so formulieren die Autoren Gabi Zimmer und Petra Pau ihre Avancen an die Sozialdemokraten. Und damit das nicht so bleibt, geht die PDS ein wenig kritischer mit der Geschichte der SED um, ein wenig deutlicher rügt sie die politischen Täuschungen, Zwänge und Repressionen, die Gründung und Formierung der SED begleiteten.

Ohne kleine Lügen kommt das Papier nicht aus, schon weil die meisten Mitglieder der PDS nicht wirklich mögen, wenn zu hart mit der DDR und ihrer Einheitspartei ins Gericht gegangen wird. So klingt es aufgesetzt generös, wenn die PDS von den Sozialdemokraten keine Abbitte für Handlungen verlangt, mit denen diese der deutschen Linken Schaden zugefügt hätten. Und so wird die Geschichte umgebogen, wenn die Spitzengenossinnen der Bundespartei und des Berliner Landesverbandes erklären, die PDS habe sich 1989/1990 die SED bewusst aufgebürdet, um einen Neuanfang zu wagen.

Die Zielrichtung der PDS-Spitze aber wird klar: Die eigenen Genossen sollen vorbereitet werden, dass es der Partei um die Macht geht, nicht nur um die Regierungsbeteiligung in den Ost-Ländern und der Hauptstadt Berlin, sondern mittelfristig auch im Bund. Noch letzte Woche hatten sich PDS-Prominente kritisch zum Vorstoß ihres Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch geäußert, der auf Bundesebene für die Koalition mit der SPD geworben hatte. Inzwischen sieht es nicht mehr nach einem Alleingang von Bartsch aus, sondern nach einem von den Genossen inszenierten Spiel mit Möglichkeiten - und gut verteilten Rollen.

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