Meinung : 60 Tonnen Sorgen

Super-Lastwagen lösen keine Transportprobleme – nötig ist eine bessere Verkehrspolitik

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Die Vorstellung grenzt an ein Horrorszenario: 25 Meter lange Lastwagen mit mehreren Anhängern und 60 Tonnen Gesamtgewicht donnern über bundesdeutsche Landstraßen, blockieren bei der erstbesten scharfen Kurve den gesamten Verkehr, lösen bei Fahrradfahrern, Fußgängern und SmartBesitzern Angst und Schrecken aus. Denn kein Brummifahrer ist bei diesen gigantischen Abmessungen mehr in der Lage, den Überblick zu wahren. Doch die deutschen Im- und Exporteure halten Monster-Lastwagen für eine „innovative“ Idee, um den drohenden Verkehrsinfarkt der Republik zu verhindern.

Das Konzept „weniger Lastwagen, dafür aber größere“ hat durchaus seinen Reiz. Denn eine Verringerung der Fahrten bedeutet weniger Energieverbrauch, weniger Umweltverschmutzung und vielleicht auch weniger Gesamtkosten. Im australischen Outback, wo es hunderte von Kilometern stur geradeaus geht, wo kein Dorf und kein Fluss die Freiheit der Trucker bremst, da mag sich das sogar rechnen. Für den einzelnen Spediteur und für die gesamte Volkswirtschaft. Doch in Deutschland werden 60-Tonner eine Utopie bleiben. In einem so dicht besiedelten und – im wahrsten Sinne des Begriffs – engen Verkehrsnetz, sind Lkws mit einer Länge, die sechs Personenwagen entspricht, kein Thema. Von den 37 000 Brücken in diesem Land nicht zu reden. Tausende davon müssten auf die Superlaster umgerüstet werden.

Damit wäre die Forderung des Außenhandelsverbands, die sogar von namhaften Verkehrsexperten gestützt wird, eigentlich erledigt. Doch der Ruf nach Zulassung größerer Lastwagen hat einen ernsten Hintergrund. Der Güterverkehr in Europa wächst von Jahr zu Jahr, weil die Arbeitsteilung zwischen den Unternehmen und damit den Standorten wächst. So lassen sich beispielsweise die Autohersteller immer mehr Teile und Komponenten zuliefern, aus denen sie dann in ihren eigenen Fabriken komplette Autos zusammenbauen. In anderen Branchen sieht es genauso aus. Mit jedem Prozentpunkt Wirtschaftswachstum steigt der Güterverkehr überproportional. Es werden immer mehr Teile hin- und hertransportiert. Und seit Jahren geht alles auf die Straße. Deshalb deckt die Bahn heute nur noch 20 Prozent der Verkehrsleistung ab, zwei Drittel aller Transporte rollen per Lkw über das überlastete Straßennetz, der Rest geht aufs Binnenschiff.

Hinzu kommt die Erweiterung der Europäischen Union um neue, rasch wachsende Nationen. Das wird vor allem in Deutschland dazu führen, dass die Zahl von Brummis mit ausländischem Kennzeichen dramatisch zunimmt. Das gesamte Aufkommen im Fernverkehr wird Prognosen zufolge bis 2015 um 63 Prozent steigen.

Warum profitiert die Bahn nicht von diesem Boom? Die Antwort lautet: Weil Lastwagen so flexibel eingesetzt werden können. Lkw-Spediteure disponieren ihre Flotten im Stundentakt. Die Bahn fährt nach Fahrplan. Das allein erklärt die schwindende Bedeutung des Schienenverkehrs nicht. Die Freiheit der Trucker auf europäischen Straßen ist keineswegs grenzenlos, denn der Wettbewerb unter den Speditionen ist gnadenlos. Lkw zu fahren grenzt an Selbstausbeutung, weil die Fahrer oft nicht mehr angestellt sind, sondern auf eigene Rechnung fahren – und nur noch bei Bedarf.

Daran werden auch 60-Tonnen-Lkws nichts ändern. Das kann nur eine Verkehrspolitik, die für fairen Wettbewerb zwischen Schiene und Straße sorgt.

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