64. Berlinale startet : Berlin ist keine Reste-Rampe

Immer stärker steckt die Berlinale in der Zwickmühle zwischen den Großereignissen Toronto und Cannes. Berlin sollte aber keine Reste-Rampe sein, sondern Weltkarrieren befördern. Ein Joker für die weltweite Strahlkraft wäre da schon gut - oder besser zwei oder drei.

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Am Donnerstag ist es so weit - die 64. Internationalen Festspiele beginnen.
Am Donnerstag ist es so weit - die 64. Internationalen Festspiele beginnen.Foto: AFP

Preisfrage: Wie viele Plakatmotive gibt es von der 64. Berlinale? Antwort nach einiger Investigativrecherche: Es sind acht. Noch schwierigere Frage: In wie vielen Farben erstrahlen die Bärenköpfe dieser acht Motive derzeit im Stadtbild? Es dürften mehr als zwei Dutzend sein, mit kräftigem Vorsprung für die warme Farbe Blau.

Zum dritten Mal hat die Agentur Boros das Festivalplakat entworfen, und nach zwei Jahrgängen mit Solo-Bär ist nun ein ganzes Rudel unterwegs. Das passt zur Vielseitigkeit der Berlinale, die sich in nicht weniger als 14 Sektionen ausdrückt, vom Forum bis zum Kinderfilm, vom Panorama bis zur Retrospektive. Und es passt zu ihrer lustvollen Unübersichtlichkeit, zum Filmvolksbeglückungsjahrmarkt für alle.

Berlin ist keine Reste-Rampe

In dem reichlich beladenen Buffet allerdings – mehr als 400 Filme sind zu sehen – wirkt die Königsdisziplin, der Wettbewerb, mittlerweile fast wie eine Reihe unter vielen, zudem mit allerhand wenig bekannten Namen. Das hat strukturelle Gründe, muss aber, eine kluge Auswahl vorausgesetzt, kein Nachteil sein. Immer stärker steckt die Berlinale in der Zwickmühle zwischen den Großereignissen Toronto und Cannes. Toronto schnappt bereits im September die relevanten Hollywoodfilme weg, deren Macher sich dort – ganz ohne formalen Wettbewerb – zum ersten Oscar-Schaulaufen versammeln. Und die restweltberühmtesten Regisseure trainieren lieber fürs cineastische Champions-League-Finale, mit Palmenpokal in Cannes im Mai.

Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2014
'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent Campus teil, jetzt präsentiert er sein Langfilm-Debüt im Wettbewerb des Festivals. 1971 in Belfast: Dem Rekruten Gary wird bei einem Handgemenge die Waffe entrissen. Gemeinsam mit einem Kameraden jagt er den Dieb und erlebt auf dem Rückweg zur Kaserne eine albtraumhafte Nacht. Großbritannien, 98 Min., R: Yann Demange, D: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sean HarrisWeitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Twentieth Century Fox
28.01.2014 17:54'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent...

Vergangenes Jahr hatten die Berlinale-Programmmacher sich gerade dadurch blamiert, dass sie diese beiden Ereignisse ausgerechnet im Wettbewerb nachzubasteln versuchten. Man sah zweitklassige, teils bereits auf dem heimischen Markt gefloppte amerikanische und gleich mehrere französische Star-Vehikel daherrumpeln, die in Cannes niemals eine Chance gehabt hätten. Berlin aber ist keine Reste-Rampe, sondern kann, mit dem gewaltigen weltweiten Medieninteresse im Rücken, durchaus Weltkarrieren befördern, nach wie vor.

Die Mischung macht's

Vier deutsche Beiträge laufen im Wettbewerb, so viele wie 2002, im ersten Jahr der Ära Kosslick, und auch 2006. Das kann ein Symptom für den Mangel an starken Filmen von anderswo sein; mehr aber spricht – auch angesichts der in der Vergangenheit hier stets respektablen Titel – für einen absolut konkurrenzfähigen deutschen Jahrgang. Und einen vielseitigen: von Studien über das bedrängte Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen über den Kostümfilm mit Klassik-Hintergrund bis zum aktuellen Politfilm, gedreht in Afghanistan. Und das umgeben von Weltpremieren etwa aus China oder Argentinien, von denen jeder einzelne Film großartig durchstarten kann – wie 2011 der iranische Bären-Gewinner, Asghar Farhadis „Nader und Simin“.

Das heißt keineswegs, dass die Berlinale deshalb, jenseits des Eröffnungscoups mit Wes Andersons All-Star-Ensemble in „Grand Budapest Hotel“, auf Glamour am roten Teppich verzichtet. Nur laufen die Filme mit George Clooney, Pierce Brosnan, Charlotte Gainsbourg und anderen großen Namen eben außer Konkurrenz oder in Nebenreihen. Diese Mischung aus innovativem, thematisch und ästhetisch ehrgeizigem Kino im Wettbewerb und zugkräftigen Titeln fürs breite Publikum scheint aufzugehen. Und niemand muss die Jury um den legendären Independent-Produzenten und Drehbuchautor James Schamus schon vorab darum bedauern, dass sie sich absehbar Mittelmäßiges antun müsste.

Joker gesucht

Ein bisschen müde, gar augenblicksweise resignativ, wirkte Festivalchef Dieter Kosslick unlängst bei der für ihn inzwischen 13. Berlinale-Programmpressekonferenz. Dabei haben er und sein Team sichtbar aus den letztjährigen Fehlern gelernt. Wie viele Trümpfe die Macher diesmal im Kartenblatt haben, mag einstweilen ungewiss sein. Gut für die weltweite Strahlkraft des Festivals wäre ein Joker, die große Überraschung, oder besser zwei oder drei. Wie sagt man so schön: Gut aufgestellt sind die vielen bunten Bären diesmal durchaus, die nach Gold ausschauen oder einfach danach, dem unablässig neugierigen Publikum zu gefallen. Das Spiel kann beginnen.

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