70 Jahre danach : Die Geschichte der Gegenwart

Das Gedenken an den 1.September 1939 gehört in dieses fast schon selbstzufrieden über die Toppen beflaggte Erinnerungsjahr. Denn es hält uns auch vor Augen, was Deutschen und Polen und schließlich Europa insgesamt in ihrer Gegenwart gelungen ist.

Hermann Rudolph

Dieser Gedenktag-Rhythmus lässt keine andere Wahl. Wer sich in diesem Jahr sozusagen mit Trommeln und Fanfaren an 20 Jahre friedliche Revolution im Herbst 1989 erinnert und dieses Datum stolz mit dem Sechzig- Jahr-Jubiläum der Entstehung der Bundesrepublik 1949 verbindet, der kann am 1. September 1939 nicht vorbeigehen. Nicht wegen der Suggestivität der Jahresdaten, sondern weil hier wirklich zu viel zusammenhängt. Denn mit dem Überfall auf Polen vor 70 Jahren begann tatsächlich jener ruchlose nazideutsche Angriff auf den Kontinent und die Zivilisation, dessen Folgen zu beseitigen die Anstrengungen einer ganzen Nachkriegsgeschichte brauchte.

An diesem Ereignis ist, leider, auch nichts schönzureden: Da ist alles Eindeutigkeit, Schuld, Scham. Es waren Hitler und das Dritte Reich, die brandfackelhaft die Katastrophe in die Welt trugen, von den Deutschen nicht gehindert, sondern eher getragen; dagegen bleibt die Rolle der anderen Mitglieder der Staatengesellschaft sekundär. Selbst die Komplizenschaft Stalins, der mit dem Hitler-Stalin-Pakt den Weg zum Krieg ebnete, entschuldigt nichts. Dank der wissenschaftlichen Forschung sind inzwischen auch keine Illusionen mehr möglich über den Abgrund von Verbrechen und Terror, der uns aus dem Polen der deutschen Besatzung ansieht. Die Wahnsinns-Absicht, Osteuropa zum Feld nationalsozialistischer Großraumpolitik zu machen, haben 17 Prozent der Polen mit dem Leben bezahlt – die höchste Rate in Europa.

Längst unstrittig ist auch, dass der Überfall der Anfang der schwersten Kriegsfolge für die Deutschen war – des Verlustes von bald einem Viertel des Landes. Ist es frivol, das in diesem Zusammenhang auszusprechen? Aber der Untergang des deutschen Ostens gehört ja zu den deutsch-polnischen und europäischen Umwälzungen, die 1939 angestoßen hat: dieser Kette von Grenzverschiebungen, Vertreibungen, Neu-Ansiedelungen. Und man kann davon sprechen, weil wir heute der festen Überzeugung sein können, dass diese zerstörerischen Bewegungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Ruhe gekommen sind.

Auch aus dieser Sicht gehört das Gedenken an den 1.September 1939 in dieses fast schon selbstzufrieden über die Toppen beflaggte Erinnerungsjahr. Denn es hält uns auch vor Augen, was Deutschen und Polen und schließlich Europa insgesamt in ihrer Gegenwart gelungen ist. Der Mauerfall, für den Solidarnosc und die ungarische Grenzöffnung den Boden bereitet haben, war Glied eines Umbruchs, der die Geschichte Europas aus ihren alten Schienen heraus- und auf eine neue Ebene gehoben hat. Noch nie war dieser Kontinent, der sich über die Jahrhunderte hinweg immer von Neuem zerfleischt hat, so weit entfernt von Kriegen und Gewaltakten wie jetzt.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist Spiegel dieser Veränderung. Am Anfang standen, gewiss doch, die Ostverträge. Aber daraus geworden ist – vor allem seit 1989 – ein großes Umdenken, ist Erinnerungsarbeit, die wirklich schwere, seelische Arbeit war, ist eine Annäherung jenseits der politischen Ereignisse. Waren sich Deutsche und Polen je so nahe wie heute? Wer hätte, zum Beispiel, für möglich gehalten, dass – in dieser Zeitung war es kürzlich zu lesen – das polnische Breslau seine deutsche Vergangenheit als seine Geschichte annimmt? „Aus den getrennten nationalen Geschichten“, hat Richard von Weizsäcker gesagt, „ist eine gemeinsame historische Erfahrung geworden, die uns unwiderruflich vereint.“

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