Meinung : 962 – 1806

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Der Historiker Heinrich August Winkler erläutert im „Spiegel“ den Kern des Mythos des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ : Der Anspruch, als Schutzmacht der Christenheit die erste Macht Europas zu sein. Der Reichsmythos enthielt den Gedanken, dass Deutschland mit der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 das Erbe des alten Römischen Reiches angetreten hatte. Es galt nach der Prophezeiung Daniels als das letzte der vier Weltreiche vor dem Weltuntergang. Dem Reich kam damit nach eigenem Verständnis eine heilsgeschichtliche Aufgabe zu.

In der „Welt“ schreibt Michael Stürmer zum gleichen Thema: 1806, heute vor zweihundert Jahren, entledigte man sich der tausendjährigen Titel und Rechte wie Faschingsplunder. Die Fürsten, die dem französischen Außenminister Talleyrand die Taschen füllten, fielen über die kleineren Reichsstände her wie die Räuber. Reichsstädte, Hochstifte, Reichsabteien, Reichsadel wurden weggewischt. Von Napoleons Gnaden wurden aus bayerischen Kurfürsten Könige, aus badischen Markgrafen Großherzöge, aus dem Fürstbischof von Mainz der Generalsekretär des Rheinbunds: Dafür schickten sie die jungen Männer regimenterweise nach Spanien und Moskau zum Sterben für Napoleons Imperium. Dem Alten Reich war kein Requiem gewidmet. Unbetrauert und ohne Nachruhm hörte es nach tausend Jahren einfach auf. Aber niemand hat bis heute etwas Besseres an seine Stelle zu setzen gewusst. Europas Nationalstaaten und Imperien konnten es nicht sein. Dass die Europäische Union es einmal wird, ist eine Hoffnung – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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