Meinung : Aalen am Strand des Pazifiks

George W. Bush nennt die Deutschen „Pazifisten“ – das sind sie aber gar nicht

Caroline Fetscher

Ja, der Atlantik ist zu groß, um einzufrieren. Aber Schröder und die Seinen schoben schon einen ziemlich schweren Eisberg in die so genannten transatlantischen Beziehungen, der erst jetzt, nach Winter, Frühling, Sommer, wieder schmilzt. Unterschiedlicher könnten die Ausgangspositionen noch immer kaum sein. Die deutsche Regierung will ein militärisches Hardcore-Image vermeiden und den Eindruck, klein beigegeben zu haben. In den USA braucht man aufgrund der miserablen Nachkriegsplanung für den Irak jede Hilfe, auch die des größten EU-Landes. Da lotet man nun aus, wie weit sich den Germans trauen lässt, einer Gesellschaft des waffenscheuen Mainstreams.

Ist die deutsche Gesellschaft eine klassenübergreifende Masse tief überzeugter Pazifisten, wie George W. Bush behauptet? Ist ihnen gewissermaßen der Pazifik lieber als der im Akronym „Nato“ enthaltene Atlantik? Seit am Anfang des Jahres protestierende Normalbürger, vom Krawattenträger bis zum Technofreak, ja, ganze Familien gegen den geplanten Angriff auf Iraks Diktatur durch die Städte zogen, mag man das fragen. Es waren Prozessionen des Unwillens, im Einklang mit der Regierung. Prozessionen, die Erleichterung bei den arabischen Regimen auslösten: Solche Europäer lassen uns in Ruhe weiter Frauen steinigen und unliebsame Schriftsteller einkerkern …

Welcher Mainstream brachte Ostermarsch-Veteranen und Schulkinder, Linke wie Rechte auf dieselbe Straße? Die Protest-Chronik für Deutschland listet seit Mitte der 50er Jahre eine Kette des Widerstands Hunderttausender auf: gegen atomare Rüstung, Wiederbewaffnung, Bundeswehr, Vietnamkrieg, Nato-Pläne. Gleichwohl sammelten damals auch Protestler Waffen für den Vietcong oder Nicaragua, purer Pazifismus war meist allein der kirchliche.

Während des Kalten Krieges setzte sich der Pragmatismus der Abschrecker durch. Als Gustav Heinemann das Kabinett Adenauer und die CDU wegen der Wiederbewaffnung verließ, wünschten seine Anhänger sich „Äquidistanz“ zu Nato wie Warschauer Pakt, in der Hoffnung, dass die Mächte von Ost und West eines Tages der Wiedervereinigung zustimmen würden.

Dahin ist es dann, trotz oder wegen der Nato und vor allem durch Gorbatschows Perestroika, gekommen, die den ersten Stein aus der Mauer stieß. Zehn Jahre nach dem Mauerfall-Jubel beschloss Rot-Grün eine Beteiligung am Kosovokrieg. Entsetzt über die Bilder der Flüchtenden nahm die „deutsche Straße“ das hin. Angesichts des Afghanistan-Einsatzes entfachte der damalige Staatssekretär im Außenministerium, Ludger Volmer, eine Debatte über den „politischen Pazifismus“: Wer eine realitätsfähige, die Menschenrechte aktiv verteidigende Position vertritt, muss sich, mitunter, robust einmischen. Nichteingreifen ist unterlassene Hilfeleistung, ein passives Verbrechen. Warum gingen dieselben Massen des Frühjahrs 2003 nie gegen die Taliban auf die Straßen, gegen Saddams Folterkammern, gegen Simbabwes Diktator? Warum demonstrieren sie nicht gegen Wladimir Putins brutale Tschetschenien-Feldzüge? Sind wir eine Gesellschaft von Pazifisten?

Nein. Deutschland zeigt sich noch immer als selektiv protestierende, unreflektierte Gesellschaft der Hypes und Anti-Hypes. Eine Gesellschaft des gelegentlichen Antiamerikanismus und der changierenden Ängste und Vorurteile, die im Zweifel mehr an Dosenpfand oder Rente interessiert ist. Von einem verantwortungsethischen Interventionismus für Menschenrechte, wie Volmer ihn entwickelt hat, auch vom Entwurf für Alternativen zum militärischen Umgang mit totalitären Regimen, sind wir weit entfernt.

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