Meinung : Abbild – statt Vorbild

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Von Robert Birnbaum

Seinen 40. Geburtstag hat er kürzlich in größerem Rahmen gefeiert; diesmal heißt der Gastgeber FDP und das Ereignis trägt den n Bundesparteitag, aber das soll man nicht allzu wörtlich nehmen. Was da drei Tage lang in Mannheim zelebriert wird, ist der Triumph des Guido Westerwelle. Auch das soll man allerdings nicht ganz wörtlich nehmen. Die Rede ist nicht von der Person – dem Guido aus Bonn, dem Herrn Westerwelle aus Berlin, dem Vielleicht-nenn-ich-mich-demnächst-Kanzlerkandidaten. Zu reden ist von einem Typus. Das Muster weist weit über die FDP hinaus. Westerwelle ist weder sein Erfinder noch hat er das Copyright. Aber wahrscheinlich verkörpert derzeit in Deutschland niemand den Typus so rein wie dieser Musterknabe.

Die besonderen Merkmale sind rasch aufgezählt: Es gibt keine. Das bedeutet nicht, dass einer wie Westerwelle keine Ideen oder Überzeugungen hätte. Sie beherrschen ihn nur nicht in einem Maße, dass sie ihm im Wege stehen würden. Sie sind hinreichend vage, um eine große Bandbreite von konkreten Meinungen zu konkreten Problemen zuzulassen. Und das löst bei den Wählern eher Sympathie- oder Antipathie-Reflexe aus als das scharfe Bild einer Persönlichkeit.

Unschwer zu erkennen, dass diese Art von Profil heute weithin als erfolgversprechend gilt. Gerhard Schröder hat es 1998 vorgemacht, als er weitgehend inhaltsfrei, aber mit der Anmutung eines pragmatischen Modernisierers zur Macht gelangte. Edmund Stoiber versucht gerade das Imitat, indem er das, was er an scharfem Profil hatte, zur optischen Täuschung erklären lässt. Wenn sich Westerwelle also zum dritten Kanzlerkandidaten ausrufen sollte, wäre das zwar eine Karikatur, aber eine erhellende: Viel mehr an Kandidatensubstanz als der Mann mit den 18-Prozent-Schuhen weisen die anderen in der Tat auch nicht vor.

Dieses Verhalten der Volksparteien hat für die FDP einen zweiten, höchst erfreulichen Aspekt. Es lässt die Behauptung, die Freien Demokraten seien eine Partei mit Profil, geradezu plausibel klingen. Im Vergleich zu dem allseitig abgerundeten Profil der Großparteien – die Grünen laufen außer Konkurrenz, weil sich die Alternative „FDP oder Grün“ nur für einen kleinen Wählerkreis überhaupt stellt – im Vergleich also zur SPD und zur Union erscheint die FDP tatsächlich kantig.

Wo die SPD von Reformen raunt, die sie demnächst ganz bestimmt in Angriff nehmen werde, wo die Union den sanften Schleier einer Optionen-Gesellschaft über ihre Absichten breitet, reden die Freidemokraten vergleichsweise Klartext: Deregulierung ist angesagt.

Das hat nichts mit unbequemem Eigensinn zu tun, den sich die Liberalen gerne selbst bescheinigen, sondern ist reiner Gratismut. Die FDP wird nicht allein regieren und Westerwelle wird nicht Kanzler. Darum kann er augenzwinkernd forsche Forderungen vortragen. Jeder weiß: Das kommt so nicht. Darum passt die verbale Schärfe so erstaunlich nahtlos zur multiplen Persönlichkeit und ebenso bruchlos zur Clownerie. Bierernst gemeint ist das ja alles nicht.

Etwas anderes ist ernst gemeint. Hinter dem Theater steht ein harter Wille zur Macht. Westerwelle muss nicht an Zäunen rütteln, damit klar ist: Der will da rein. Dieser Ernst färbt den Unernst dunkel, eine Art Brechtscher Verfremdungseffekt. Die Show wird als Mittel zum Zweck enthüllt und damit zugleich ein ernster Zweck behauptet. „Wählt uns, dann passiert wenigstens was“ – im Kern ist das ja die Botschaft, mit der die Zünglein-Partei seit Jahrzehnten daherkommt: Wir wollen an die Macht. Nur die Form hat sich geändert.

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