Meinung : ABC-Revoluzzer

Rückkehr zur alten Rechtschreibung: Journalisten spielen sich als politische Akteure auf

Bernd Matthies

Journalisten sind Beobachter und Berichterstatter – das ist die Theorie. In der Praxis verändert jeder ihrer Berichte die Welt, ob sie wollen oder nicht. Dennoch hat das Rechtschreibkartell aus Springer-Verlag, „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) eine Grenze überschritten, als es mit der angekündigten Rückkehr zum alten Regelwerk direkt in den politischen Entscheidungsmechanismus eingriff.

Die Verantwortlichen bügeln die Frage nach der Legitimation dieses Umgangs mit dem demokratischen Regelwerk, die sie sonst mit Recht jedem Dorfschulzen stellen, mit lässigem Hinweis auf allerhand mehr oder weniger repräsentative Umfragen weg. Und falls es dennoch am Rückhalt in der Bevölkerung fehlt, dann wird das Trommelfeuer der „Bild“-Schlagzeilen ihn schon beschaffen, nicht wahr?

Man wird es kaum einen Zufall nennen dürfen, dass dieses Machtspiel zu einem Zeitpunkt begonnen wurde, da der Rückhalt der politischen Klasse unter den Deutschen einen neuen Tiefpunkt erreicht hat. Es ist gefährlich leicht in diesen Zeiten, da „Reform“ zum Angst- und Schimpfwort aller Generationen geworden ist, mit populistischem Geschrei zu nahezu jedem politischen Thema eine Protest-Mehrheit zu mobilisieren. Der wichtigste Vorwurf, der den ABC-Revoluzzern zu machen ist, lautet also: Sie hätten, gerade weil die Stimmung so ist, eben nicht mit einem konspirativ inszenierten Handstreich auf der Welle des allgemeinen Politik-Ekels surfen, sondern im Hinblick auf den Vollzug der Reform 2005 allenfalls eine sachliche Debatte anstoßen und begleiten dürfen.

Doch es ist nicht einmal unwahrscheinlich, dass der Coup misslingen könnte. Nach dem ersten Schock dringen immer mehr differenzierte Aussagen durch, die nicht ins sorgsam inszenierte Bild des Volksaufstands passen. Die meisten Schüler zum Beispiel sind offenbar nicht bereit, sich von jenen Regeln zu verabschieden, die sie seit acht Jahren lernen, und auch die Journalisten haben durchweg dringendere Probleme als die Rolle rückwärts aus einer neuen Rechtschreibung, mit der sie längst leben gelernt haben; die wenigsten konnten sich den Luxus saturierter „Spiegel“-Redakteure leisten, ihre Texte nach alter Väter Sitte zu tippen und vom Computer irgendwie richten zu lassen.

Und es gibt, wie man hört, auch im Springer-Reich viele Journalisten, die sich ihr Handwerkszeug ungern von der Verlagsspitze diktieren lassen. Die Leser diskutieren intensiv mit: Die „Welt“, Flaggschiff der Revolte, sah sich zum Abdruck kritischer Leserstimmen genötigt, und bei der „Süddeutschen“, die seltsam halbherzig auf den rollenden Zug aufgesprungen ist, sind die Leser-Lager offenbar sogar gleich stark, sofern die Auswahl der Briefe diesen Schluss zulässt.

Aber was will die SZ überhaupt? Eine konkrete Entscheidung werde erst im Oktober fallen, lesen wir im Editorial vom Dienstag, und man werde „dafür eintreten, dass die neue Rechtschreibung noch einmal auf den Prüfstand kommt.“ Aha. Der kategorische Schlusssatz: „Die Reform ist gescheitert“ liest sich da wie das Pfeifen im dunklen Wald.

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