Meinung : Abgas, stimulierend wie Bergluft

Kohlendioxid hat auch schädliche biologische Auswirkungen

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Alexander S. Kekulé Zum Tag der Umwelt am 5. Juni haben sich die Pekinger Funktionäre etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Eine Garde besonders hübscher Chinesinnen präsentierte Mode aus besonders hässlichen Materialien. Auf dem Laufsteg stolzierte eimerweise Müll hin und her – Plastiktüten, Konservendosen, alte Reifen, Autowracks und alles, was sonst irgendwie mit Umweltverschmutzung zu tun hat. Die gewagte Show diente der Untermalung eines nicht minder gewagten Projekts: Der Staatsrat lässt in Sachen Umweltschutz die Hosen runter –  zumindest ein kleines Stück weit. In einem 45-seitigen Weißbuch stellt die chinesische Regierung eine Bilanz ihrer bisherigen Umweltpolitik vor, mit ungewohnt deutlicher Selbstkritik. Die Lage der Umwelt sei „ernst“ und würde sich weiter verschlechtern. Wasser, Luft und Boden seien schwer verschmutzt, die ökologische Situation in China „außer Kontrolle“. Nach offiziellen Angaben verursacht die Umweltverschmutzung einen wirtschaftlichen Schaden von mehr als 200 Milliarden Dollar jährlich, das entspricht rund einem Zehntel des Bruttoinlandsproduktes.

Die Offenheit zeigt zwar, dass das Politbüro den Faktor Umwelt als Wachstumsbremse für die nationale Wirtschaft erkannt hat. Grund für Optimismus gibt es deshalb jedoch noch lange nicht. Die gerade fertig gestellte Drei- Schluchten-Talsperre am Jangtsekiang, das größte Wasserkraftwerk der Erde, führt Peking als leuchtendes Beispiel für gute Umweltpolitik an. Tatsächlich dürfte das umstrittene Riesenbauwerk jedoch der Umwelt weit mehr schaden als nützen: Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind bedroht, rund eine Million Menschen musste umgesiedelt werden. China leitet in den Jangtsekiang ein Drittel seines Abwassers ein, Industrieabfälle und krebsauslösende Stoffe inklusive. Zugleich versorgt der drittgrößte Fluss der Erde rund 180 Städte mit Trinkwasser, darunter die Megametropole Schanghai.

Ähnlich düster sieht es in allen anderen Bereichen des Umweltschutzes Made in China aus. Für die Erde am folgenschwersten ist der exorbitante Ausstoß von Kohlendioxid: Die Volksrepublik, derzeit auf Platz zwei, wird die USA in Zukunft vermutlich als größten Treibhausgas-Produzenten ablösen. Aussichten auf ein Umdenken bestehen nicht.

Dabei könnte der Anstieg von Kohlendioxid noch früher zu globalen Schäden führen als bisher angenommen. Wie neuere Studien zeigen, trägt Kohlendioxid nicht nur als Treibhausgas zur Erderwärmung bei, sondern hat darüber hinaus nachteilige biologische Wirkungen. So fördert ein erhöhter Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre das Wachstum pflanzlicher Parasiten sowie von Insekten, die Krankheiten übertragen.

Einige für Allergien verantwortliche Pflanzen, wie das Unkraut Ambrosia (Ragweed), produzieren bei erhöhtem Kohlendioxid mehr Pollen. Wissenschaftler von der Duke University in North Carolina zeigten gerade, dass auch Giftefeu (poison ivy) zu den Gewinnern der Luftverschmutzung gehören wird: Schon die in wenigen Jahren zu erwartenden Kohlendioxidwerte lassen die in den USA und Ostasien verbreitete Strauchpflanze wie Unkraut in die Höhe schießen. Zusätzlich nimmt der Gehalt ihres tödlichen Giftes, das schon bei Berührung der Blätter zu Hautreizungen führt, erheblich zu.

Auch auf schädliche Insekten wirkt das Abgas der menschlichen Zivilisation stimulierend wie frische Bergluft. Der von Landwirten gefürchtete, äußerst gefräßige Japankäfer (der übrigens sogar Giftefeu verspeist), Feuerameisen und verschiedene Mückenarten gedeihen bei erhöhtem Kohlendioxid prächtig.

Giftige Unkräuter, Krankheiten übertragende Insekten und gefräßige Pflanzenschädlinge werden also die Vorboten der Klimakatastrophe sein. Ihnen werden Ernteverluste, Hungersnöte und Seuchen folgen. Doch die Zunahme der Plagen könnte auch ein Gutes haben: Vielleicht motiviert sie ja doch noch die großen Umweltverschmutzer zum Umlenken, bevor die Erderwärmung nicht mehr zu stoppen ist.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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