Meinung : Abgerechnet wird später

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Ist die Zeit der Abrechnung jetzt vorbei? Nach einer Reihe vernichtender Niederlagen osteuropäischer Regierungsparteien – ob in Tschechien, in Slowenien oder in Litauen – haben die Rumänen diesen Trend am Sonntag gestoppt – und zum ersten Mal überhaupt eine Regierung wiedergewählt. Der knappe Vertrauensbeweis für die Sozialisten um Ministerpräsident Adrian Nastase war der Dank für den konsequenten EUKurs der Regierung. Schon in drei Jahren könnte Rumänien der Europäischen Union beitreten – und so war es wohl vor allem die Hoffnung auf einen warmen Geldsegen aus Brüssel, die die gegenüber Autoritäten oft misstrauischen Rumänen dazu gebracht hat, noch einmal auf die Ex-Kommunisten zu setzen. In einem Land, in dem vier Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, in dem der Mindestlohn nur 150 Dollar beträgt und viele noch nicht wissen, wie sie an Brennholz oder Öl für den Winter kommen sollen – in so einem Land kommt in diesen Tagen erst das Fressen, dann die Moral. Zählen doch die Sozialisten nicht gerade zu den demokratischen Musterknaben in Europa. Noch immer sperren sie sich gegen eine konsequente Aufarbeitung der Verbrechen der Ceausescu-Diktatur, noch immer gängeln sie Staatsmedien, und noch immer ist die Bekämpfung der grassierenden Korruption allenfalls ein Lippenbekenntnis. Die Wähler haben jetzt noch einmal beide Augen zugedrückt. Bis Europa kommt. SB

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