Abhängigkeit von Russischem Gas : Europa braucht eine Alternative zu Russland

Europa sollte auf mehrere Gas-Lieferanten setzen, um im Konfliktfall eine Alternative zu Russland zu haben. Diese Umstellung ist machbar, aber nicht problemlos.

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Schalke-Spieler im Gazprom-Trikot.
Schalke-Spieler im Gazprom-Trikot.Foto: AFP

Seit Jahrzehnten galt die Verflechtung mit Russland durch Handel und Energielieferungen als Rückversicherung gegen Feindseligkeiten. Der Prototyp war 1970 das Erdgas-Röhren- Geschäft zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion. Auch nach Auflösung der UdSSR behielt das Modell der Annäherung durch Handel seinen Charme: Europa setzte auf russische Gaslieferungen. Moskau machte sich abhängig von den Einnahmen aus den Energieexporten; sie machen zwei Drittel des Staatsbudgets aus.

Bis heute liefern die Russen verlässlich nach Europa – und werden ebenso verlässlich bezahlt. Doch nun wächst die Verunsicherung. Die gegenseitige Abhängigkeit hat Russland nicht daran gehindert, sich die Krim einzuverleiben. Im Westen fragen die einen: Können wir uns Sanktionen überhaupt leisten? Was wäre, wenn Moskau als Antwort den Gashahn zudreht? Andere ziehen die umgekehrte Konsequenz: Es war ein Fehler, sich in so hohe Abhängigkeit von russischem Gas zu begeben. Europa sollte sie reduzieren, indem es erstens den Gasverbrauch senkt und zweitens nach anderen Lieferländern sucht.

Gasstreit zwischen Ukraine und Russland

Genau genommen wiederholt sich die Verunsicherung. Während des ukrainisch-russischen Gasstreits 2005/06 – und erneut 2008/09 – waren die Zweifel gewachsen, ob der Westen sich auf die Versorgung aus dem Osten verlassen könne. Moskau drohte der Ukraine mit einem Lieferstopp, falls die nicht einen höheren Preis akzeptiere. Durch die Ukraine-Pipeline floss aber auch das Gas für den Westen. Mitten im Winter wurde den Deutschen ihre Abhängigkeit vom guten Willen der Russen und der Ukrainer bewusst. Moskau reagierte mit dem Bau der Ostseepipeline „North Stream“, die die Ukraine umgeht, um diese künftig unter Druck setzen zu können, ohne damit die einträgliche Lieferung nach Deutschland zu gefährden.

Europa sollte auf mehrere Gaslieferanten setzen

Etwas Vergleichbares sollte nun Europa tun: seine potenziellen Gas-Lieferanten diversifizieren, um im Konfliktfall Alternativen zu haben. Diese Umstellung ist machbar, aber nicht problemlos. Gas ist ein besonderer Stoff unter den fossilen Energieträgern. Für Kohle und Öl gibt es einen Weltmarkt. Man kann sie zu relativ niedrigen Kosten transportieren. Fällt ein Lieferant aus, kauft man anderswo. Bei Gas ist das anders. Man kann es zwar verflüssigen und verschiffen. Die Kosten dafür sind aber hoch, und die Hafenterminals für eine Massenversorgung Europas mit Flüssiggas aus Kanada, den USA und anderswo müssten gebaut werden.

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Deutschland ist in einer komfortablen Position. Die Gasspeicher sind gefüllt mit der strategischen Reserve, die Heizsaison geht zu Ende. Dank des Ausbaus der erneuerbaren Energien und der Einbindung in europäische Stromtrassen könnte Deutschland einen Ausfall russischen Gases kompensieren. Andere große EU-Länder wie Frankreich, Großbritannien, Italien oder Spanien sind ohnehin nicht abhängig von russischem Gas. Wenn sie Sanktionen scheuen, dann aus anderen Gründen. Frankreich fürchtet um seine Rüstungsgeschäfte, Großbritannien um den Finanzplatz London und die russischen Kunden dort.

Schwierige Lage für Länder Osteuropas

Hoch ist dagegen die Abhängigkeit mitteleuropäischer EU-Partner von russischer Energie und vom Russlandhandel: Balten, Polen, Slowaken, Tschechen, Ungarn und Bulgaren sind verwundbarer als die Westeuropäer. Bei ihnen würde Moskau ansetzen, wenn es die Entschlossenheit und die Einigkeit der EU auf die Probe stellen wollte. So wird der Krim- Konflikt zum erneuten Anstoß, das europäische Pipelinenetz so auszubauen, dass jedes EU-Land im Notfall aus den Reserven anderer EU-Partner versorgt werden kann. Eine solche Politik hätte nicht zum Ziel, Russland aus dem Wirtschafts- und Energieaustausch auszuschließen. Moskaus Erpressungspotenzial wäre jedoch geringer, wenn die Slowakei, Ungarn oder Litauen jederzeit Gas aus Norwegen oder den Niederlanden beziehen können. Die Arbeit an einem gemeinsamen EU- weiten Energieversorgungsnetz böte Deutschland zudem zusätzliche Chancen, zögerliche Partner vom Nutzen einer Energiepolitik zu überzeugen, die auf eine Minimierung des Verbrauchs und alternative Energien setzt.

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