Meinung : Abitur: Schneller lernen

Gerd Nowakowski

Von der DDR lernen, um die Zukunft zu gestalten? Für Ex-Bundespräsident Roman Herzog beim Thema Schule keine Frage. "Gestohlene Lebenszeit" hat er es schon 1997 genannt, dass in der Bundesrepublik das Abitur nach 13 Jahren gemacht wird. Die DDR brachte ihre Schüler in zwölf Jahren zur Reifeprüfung. Doch nach der Wende standen die Zeichen anders. Bis auf Sachsen und Thüringen haben die neuen Bundesländer das West-System übernommen. Und dürfen erleben, wie sich dort der Wind gedreht hat.

Das Saarland macht den Vorreiter beim kurzen Weg zum Abitur, doch längst sitzen andere Bundesländer in den Startlöchern. Deutschlands Abiturienten hängen zu lange in der Schule herum, das ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens. Erfahrungen mit der verkürzten Schulzeit liegen durchaus vor. In Baden-Württemberg gibt es seit 1991 einen Modellversuch und auch Berlin erprobt das Express-Abitur. Berliner Jugendliche, das zeigen Studien, fühlen sich vom höheren Lerntempo nicht überfordert. Denn das Lernpensum erzwingt keine 13 Jahre bis zum Abitur. Da gibt es viel Leerlauf. Schulsenator Klaus Böger, der ebenfalls die Schulzeit verkürzen möchte, will in einem ersten Schritt ab 2002 die Schulzeit auf 12, 5 Jahre verkürzen - allein dadurch, dass die Prüfungen zügiger abgelegt werden. Gewinn: immerhin ein Semester. Bei der weiteren Verkürzung aber wird sich das Land Berlin schwer tun. Denn anders als die fixen Saarländer, wo die Kinder nach vier Jahren Grundschule den Weg zum Abitur einschlagen, hat Berlin eine sechsjährige Grundstufe. Angeheizt wird deshalb der alte Glaubensstreit zwischen CDU und SPD: Vier oder sechs Jahre - wie hältst du es mit der Grundschule?

Der schnellere Weg zum Abitur ist deshalb in Berlin nicht nur eine Frage der besseren Organisation, mehr Unterricht am Nachmittag und der Einrichtung von Ganztagsschulen: Die Kultusministerkonferenz schreibt vor, dass nach der Grundschule die Mindestzeit zum Abitur sieben Jahre betragen muss. Also keine Chance in Berlin für einen Abschluss nach zwölf Jahren?

Nicht wirklich. Denn Schulsenator Böger weiß seit langem, dass sich einiges ändern muss. Zuallererst die Grundschule selbst. Der neu eingeführte Fremdsprachenunterricht ab der dritten Klasse und eine Leistungsdifferenzierung in der fünften und sechsten Klasse sollen jene Familien an der sechsjährigen Grundschule halten, die zunehmend nach der vierten Klasse auf die so genannten grundständigen Gymnasien drängen. Nur wenn dem SPD-Schulsenator das gelingt, kann er darauf hoffen, die Kultusminister zu überzeugen, dies als "Anzahlung" auf dem Weg zum verkürzten Abitur anzuerkennen. Böger weiß, dass er Tempo machen muss. Wenn bald andere, auch SPD-regierte Bundesländer wie NRW auf 12 Jahre umstellen, dann kommt Berlin weiter unter Druck. Saarbrücken hat den Startschuss gegeben, Berlin muss mitrennen.

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