Abschaffung des Privatfernsehens : Der RTL-Fluch macht Hoffnung

Der Kölner Privatsender darf die Qualifikationsspiele der deutschen Mannschaft übertragen, und seit das so ist, liefert die Mannschaft unterirdische Leistungen ab.

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Torschütze Toni Kross feiert mit seinen Mitspielern den 1:0-Sieg in Spanien.
Torschütze Toni Kross feiert mit seinen Mitspielern den 1:0-Sieg in Spanien.Foto: dpa

Die Sache mit der Wahrnehmung ist mitunter höllisch kompliziert – Fußballspiele sind dafür ein gutes Beispiel. Ich habe nach der Weltmeisterschaft von der deutschen Mannschaft genau ein gutes Spiel gesehen, das war am Dienstag, in Spanien, Deutschland gewann mit null zu eins gegen den Europameister. Ein paar Tage vorher spielte Deutschland gegen Gibraltar und gewann vier zu null, aber das Spiel fand ich furchtbar, grauenhaft, schrecklich, und eigentlich behalte ich Einschätzungen von Fußballspielen lieber für mich, in dieser Woche geht das aber nicht, weil einige Fußballjournalisten das Spiel gegen Spanien ganz anders wahrnahmen, dafür aber „die Ansätze“ beim Gibraltar-Spiel lobten. Ich habe keine Ahnung, was „die Ansätze“ sind, ich höre davon nur im Rahmen von Fußballspielen (so wie von „Nicklichkeiten“), aber ich denke dann manchmal, dass ich vielleicht ein anderes Spiel gesehen habe als die Kollegen, oder aber – und das wäre schlimmer – dass generell etwas mit meiner Wahrnehmung nicht stimmt.

Gleichzeitig arbeite ich ja seit einigen Wochen an der Abschaffung des Privatfernsehens und finde, dass ich da auf einem ganz guten Weg bin. Was mir zudem Hoffnung macht, ist der RTL-Fluch. Was das ist? Nun: Der Kölner Privatsender darf die Qualifikationsspiele der deutschen Mannschaft übertragen, und seit das so ist, liefert die Mannschaft unterirdische Leistungen ab, so als würde sie dagegen protestieren im Rahmen des RTL-Programms aufzutauchen, von Florian König moderiert und von jemanden, der sich anhört wie Wolf Fuß, kommentiert zu werden. Das Spanien-Spiel lief in der ARD.

Ich halte im Übrigen nichts von Verschwörungstheorien, so etwas steht im Gegensatz zu meiner Wahrnehmung. Dass ich diesen Satz aber so schreibe, wird für einige der Beweis sein, dass ich Teil einer Verschwörung bin, nämlich einer Verschwörung der „Mainstream-Medien“, die gelenkt sind von der NATO und CIA, um – ja, um was genau eigentlich zu tun? Ich weiß es nicht, wirklich nicht, nicht einmal der Chefredakteur des „Tagesspiegel“ spricht mit mir, auch nicht der Chefredakteur von „Tagesspiegel Online“, ich bekomme auch keine Botschaften zugespielt, in denen meine Aufträge draufstehen oder in denen irgendwer bestellt, was ich in dieser Kolumne zu schreiben habe, oder aber dass sich „die da oben“ wünschen, dass ich jetzt einen Propagandazug gegen das deutsche Privatfernsehen anzettle. Außer Ärger haben mir weder diese Kolumne noch meine Fernsehkritiken irgendetwas gebracht.

Fernsehen braucht den Widerspruch

Vielleicht noch Widerspruch, aber das halte ich für völlig normal, wenn man so oft über das Fernsehen schreibt, wie ich, denn es gibt eben nicht die eine Wahrheit über die Talkshow „Günther Jauch“ und es gibt auch nicht die eine Sicht auf die Moderationskunst von Markus Lanz, und wenn ich die eine oder andere Sendung so oder so bewerte, dann stimmt diese Wertung zwar in jedem Fall für mich (weil ich das dann wirklich so wahrgenommen habe) – aber natürlich nicht für jeden Zuschauer.

Das wäre im Übrigen auch gar nicht wünschenswert, es wäre sogar sehr schlechtes Fernsehen, wenn sich alle einig wären. Fernsehen und Fernsehkritik braucht den Widerspruch und ich habe mich sogar schon sehr oft geirrt und einige Mal sogar dafür entschuldigt. Ich will nicht Recht haben, wenn ich Fernsehen schaue. Ich will, dass man mich unterhält und informiert und bildet – und ich werde halt ein bisschen sauer, wenn nichts davon passiert. Und eigentlich wollte ich diese Woche über „Der fehlende Part“ schreiben, dem Bewegtbildangebot der deutschen Internetseite von „Russia Today“. Aber irgendwie denke ich, ich lass es lieber.

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