Meinung : Abschied vom Bahnhof Zoo

Immer noch trauert West-Berlin seiner alten Bedeutung hinterher. Derweil ist die Stadt dabei, sich aus der Mitte heraus neu zu erfinden

Klaus Hartung

Die Absicht, den Fernverkehr am Bahnhof Zoo zugunsten des neuen Hauptbahnhofs aufzugeben, konnte nicht wirklich überraschen. Überraschend war die Entgeisterung, der schockierte Aufschrei der Westberliner. Seit 1993 standen die Planungen des Regierungsviertels und des Verkehrskonzeptes fest. Man hätte wissen können, was kommt. Die Empörung ist reichlich verspätet.

Natürlich deprimiert das Ende des Bahnhofs Zoo als Regionalbahnhof. Er ist ein Geschichtsort, der große Grenzbahnhof des geteilten Europas. Weiter nach Osten begann schon der grenzenlose Raum des sozialistischen Lagers. Andererseits fokussierte sich hier die Härte der Großstadt, mit den „Kindern vom Bahnhof Zoo“. Er hatte Atmosphäre, also etwas, was der Zentralbahnhof auf lange Zeit nicht haben wird. Der Bahnhof Zoo war der Vorraum der Metropole, ein Ort der Nervosität und geheimer Erwartungen. Noch immer ist er laut, eng, anrüchig und stets ein bisschen schmuddelig. Wer da aus der klimatisierten Ruhe des ICE steigt, muss schnell seinen Adrenalinhaushalt auf Touren bringen.

Der Zentralbahnhof hingegen ist eine gläserne Verteilungsmaschine, in der das Verweilen sofort zum Fehlverhalten wird. Er hat keine Nischen, die „Kinder vom Hauptbahnhof“ wird es nie geben. Allerdings: Wer da ankommt am leuchtenden Spreebogen, betritt nicht die Stadt, sondern zuerst den Staat, das Regierungsviertel – eine städtebauliche Pointe, deren Symbolkraft bislang noch kaum wahrgenommen wird.

Nostalgie ist das Innewerden eines Glücks im Medium des Verlustes. Da der größte Teil der Berliner irgendwann zugereist ist, war der Bahnhof Zoo immer auch der Ort des Ankommens, der geheime Geburtsort der Berliner. In einem Regionalbahnhof Zoo wird niemand mehr ankommen, da gibt es nur noch Ankunft oder Abfahrt. Es gibt also gute Gründe für die Wehmut. Aber zu diesem Gefühl gehört immer auch der Abschied. Dem aufschwellenden Gezeter um den verlorenen Bahnhof Zoo geht allerdings genau dies ab: die Bereitschaft und Fähigkeit, Abschied zu nehmen. Es überwiegt das Gekränktsein, der Jammer über eine notorische Zurücksetzung, das Ressentiment, das heißt das zwanghafte Wiederfühlen eines Gefühls. Der Tonfall ist bekannt, seit dem Fall der Mauer, seit der Zeit, als der Berliner Senat – vollkommen richtig – die Marschorder ausgab: „Aufbau Ost vor Ausbau West“. Seitdem wird über den innerstädtischen Liebesentzug geklagt, immer mit demselben Tremolo: Die City-West werde zur Zweitklassigkeit verurteilt, der Ku’damm verliere Kunden – die Stadtgeografie als Unrechtsurteil. Diese Klage ist ein Symptom, das einen tiefen Einblick in die innere Verfassung der Stadtgesellschaft erlaubt.

Gewiss, auch für Städte gilt die allgemeine Lebensweisheit: Zukunft braucht Herkunft. Urbanität ist nicht nur ein Stimmungswert für den Wirtschaftsstandort. Sie lebt mit der Erinnerung, hat immer auch einen konservativen retardierenden Kern. Wie produktiv er sein kann, lehrt ein Blick auf Dresden, zum Beispiel: Die Besinnung auf das goldene Zeitalter gehört dort zur Wirtschaftspolitik. Und die Fiktion einer neu-alten Identität von Hochbarock und Hochtechnologie, von Silicon und Sandstein floriert. Auch für Berlin, trotz aller Brüche in der Stadtgeschichte, gibt es eine Vergangenheit, die nahe ist und sich geradezu aufdrängt. Es ist die Zeit, in der der große Liebhaber und Flaneur Franz Hessel die „Versüdlichung“ Berlins entdeckte und ihren „republikanischen Stadtfrohsinn“ feierte. Es ist die Zeit, in der Berlin noch ein Ganzes war, in der Glanz und Glamour der neuen Weltmetropole aufleuchteten.

Eine Zuwendung zu dieser Vergangenheit wäre kein künstliches Konstrukt. Unmittelbar nach Kriegsende flackerte sie wieder auf, bis dann der Eiserne Vorhang fiel. Und überall dort, wo sich nach dem Fall der Mauer eine neue vitale Stadtkultur regt, von den Kabaretts bis hin zur neuen Berliner Mode, lässt sich das Genom der 20er Jahre entziffern. Wer die unübersehbare Daseinsfreude an Orten wie dem Kollwitzplatz oder dem Hackeschen Markt erlebt, der wird solche Begriffe wie „Versüdlichung“ und „republikanischer Stadtfrohsinn“ nicht für völlig deplatziert halten. Ganz naturwüchsig hat die Stadt schon längst die Spur zu sich selbst aufgenommen.

Aber welche Vergangenheit evozieren die selbstlosen Liebhaber des Bahnhofs Zoo? Und die analogen Ressentiments in Ost-Berlin? Welche Zukunft haben die vor Augen, die jene von aller Fantasie verlassenen Plattenbauten der Fischerinsel und die leeren Stadträume der Parkplätze und Verkehrsflächen im historischen Zentrum verteidigen? Das ist ja das Trostlose: Wenn der ideelle Gesamtberliner, der immer noch als Ost-West-Doppelwesen gedacht werden muss, die Stadtgeschichte reklamiert, kennt er nur eine Vergangenheit: die Teilung nämlich. Mit seinen stärksten Gefühlen bindet er sich ausgerechnet an das größte Elend der Stadt. Er identifiziert sich mit dem Identitätsverlust Berlins. Und das ist schon nicht mehr nostalgisch, sondern neurotisch.

Seit dem Fall der Mauer hat sich der Berliner mit dem Rücken voran in die Zukunft bewegt. Er wird geschoben und verharrt seit 1989, in einer Zeit, in der alles Anfang war, in gereizter Passivität. Das heißt auch: Alle Veränderungen musste er notwendigerweise als Verlust erfahren. Er kultivierte seinen Status als Opfer. Dieses verfehlte Stadtgefühl ist alles andere als harmlos, keineswegs nur eine Marotte oder bloßes Vertrautheitsritual, das nur deswegen besteht, weil nach 1989 alles sich änderte. Denn der Preis ist zu hoch: Realitätsverlust und Realitätsverweigerung.

Man kann über die Motive rätseln. Haben sich die Westberliner allzu lang und allzu sehr mit der beschämenden Realität der Mauer einverstanden gezeigt? Hat die ökonomische Daseinsgarantie, der sich beide Stadthälften erfreuten, eben weil sie getrennt waren, alle bestochen? Wie auch immer: Die Fixierung an jene Zeit führte zur Verweigerung des Neuen, der Wiedergewinnung jenes widersprüchlichen Stadtganzen. Aber gerade das war und ist noch immer geeignet, jede Verlusterfahrung zu relativieren.

So hat sich der gedoppelte Gesamtberliner der Agenda jener Epoche verweigert, die seit 1989 auf der Tagesordnung stand: die Wiedergewinnung der Stadtmitte. Berlin sei eine polyzentrale Stadt, verkündete prompt der Chor der West-Intellektuellen und der Ost-Intelligenzija in spontaner Komplizenschaft. Natürlich ist Berlin polyzentral wie jede große Metropole; aber ebenso selbstverständlich besitzt es eine organisierende Zentralität, das lehrt schon ein flüchtiger Blick in die Stadtgeschichte oder auf den Stadtplan. Nur: Dieses Zentrum liegt brach. Nachdem die große anachronistische Stadtfigur der Staatsachse der DDR mit dem Untergang des Realsozialismus sich auch selbst auflöste, hinterließ sie verschiedene Aggregatszustände städtischer Verödung. Dort, wo einst das Marienviertel stand, ist ein Antizentrum entstanden, das die Stadtteile nicht bindet, sondern auseinander treibt. Dass dieser unerträgliche Zustand dauert, hat seine Gründe. Denn der Westen wollte das historische Zentrum nicht, weil er den Bedeutungsverlust des Westzentrums fürchtete; und der Osten wollte es nicht hergeben.

Als „Wiederkehr der Städte“ bezeichnete der Kulturhistoriker Karl Schlögel die große Transformation von Osteuropa nach 1989. Für Berlin hieß das: Wiederkehr des Stadtzentrums. Das war nicht nur ein städtebauliches Projekt, sondern ein Anstoß zur Selbstermächtigung des Stadtbürgers, zur Wiederherstellung urbaner Identität. Der Bruch mit dem sozialdemokratischen oder realsozialistischen Etatismus hüben und drüben im Namen einer neuen stadtbürgerliche Verantwortung für das eigene Gemeinwesen stand auf der Tagesordnung.

Gerade die Renaissance des Zentrums hätte auch jenes versöhnende Dritte sein können, in dem die entfremdeten Stadthälften in Ost und West zueinander finden. Stattdessen wurde die Vereinigung Berlins als Angelegenheit der Sozialstaatsstadt verwaltet und zu einem sozialpolitischen Projekt der Angleichung der Lebensverhältnisse degeneriert. Der Stadtbürger war nicht gefragt, der Berliner blieb Einwohner. Er durfte sich dem Ossi-Wessi-Streit hingeben und etwas bekämpfen, was nie ein Problem war: die Mauer in den Köpfen.

Das chronische Verlustgefühl in Ost- und West-Berlin bis hin zur Klage über den verlorenen Bahnhof Zoo ist also Teil eines allgemeinen Syndroms. Dazu gehört die öffentliche Apathie angesichts der Schuldenlast der Stadt, das Abgestumpftsein gegenüber dem ökonomischen Schicksal Berlins: Unvorstellbar wäre in Berlin der Enthusiasmus, mit dem sich die Leipziger hinter die Parole „Leipzig kommt“ stellten. Stattdessen zeigt der gedoppelte Gesamtberliner einen Vitalitätsmangel, sobald es um die öffentlichen Dinge geht. Aber dieses Syndrom des verfehlten Stadtgefühls ist inzwischen bis zur Lächerlichkeit obsolet.

Denn die Verlagerung in die Mitte ist längst unterwegs. Seit 1998 verwurzelt sich das Regierungsviertel im Alltagsleben des Zentrums. Wenn die Stadt sich inszeniert, dann tut sie es am Gendarmenmarkt und nicht am Breitscheidplatz. Die Neuberliner orientieren sich am Hackeschen Markt (der zum großen Nacht-Treffpunkt geworden ist) und nicht am Savignyplatz. Die Investoren drängen, ihr Profitinteresse macht sie geschichtsgierig. Das Planwerk Innenstadt hat begonnen, den Generalzug der mittelalterlichen Struktur vom Spittelmarkt über den Molkenmarkt bis zum Marienviertel zu rekonstruieren. Der neue Hauptbahnhof wird ab 2006 mit seiner Dynamik einen neuen Vitalitätsschub in das Zentrum hineintragen. Mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses schließlich werden endlich die Berliner die große Rekonvaleszenz der Stadt nach dem Furor der Zerstörung vor Augen haben.

So ist hohe Zeit, dass Westberliner (und Ostberliner) ihre Verweigerung gegenüber dem gemeinsamen Zentrum aufgeben. Sie hat ohnehin schon zu viel Kraft und Zeit gekostet. Es ist Zeit, den Opferstatus aufzukündigen und bewusst Abschied zu nehmen. Dann werden die Westberliner erfahren, dass sie das, was sie an West-Berlin verloren, an Ganzberlin mehr als genug zurückgewonnen haben. Der Blick wird frei für den Reichtum und den Charme des alten Westens (der in der Weimarer Zeit der neue Westen war), und man wird sich rückhaltlos an dem etwas gemächlicheren Tempo und der erprobten Stadtkultur erfreuen können. Überhaupt wird dann endlich der große Reiz Berlins offenbar: Denn die Stadt besteht nicht nur aus Stadtteilen, sondern auch aus Zeitschollen; jede Fahrt durch die Stadt ist eine zeitgeschichtliche Exkursion.

Hier liegt die wahre Versöhnung zwischen Ost und West: nicht in der Angleichung, sondern im unbelasteten Genuss der Unterschiede. Die Stadtgesellschaft wird sich endlich aus ihrer zyklothymen Stimmungslage zwischen Großsprecherei und Verlustangst emanzipieren und den nötigen Optimismus gewinnen, den Berlin so sehr braucht, um seine historischen Chancen wahrzunehmen. Und schließlich: Es ist endlich an der Zeit, dass der Berliner seine innere Stadtgeografie, seine „mental map“, in Ordnung bringt und akzeptiert, dass weder die Mitte noch Kreuzberg im Osten der Stadt liegen.

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