Meinung : Abschied vom gravitätischen Gang

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Von Hermann Rudolph

Der perfekt vorbereitete Wechsel ist – wie zu erwarten war – perfekt vollzogen worden. Zumindest auf dem Politikfeld Taktik hat die Brandenburger Politik – mit ihrer Arbeitsteilung: einsam entscheiden, gemeinsam hinnehmen – eine Meisterprüfung abgelegt. Das hat davon abgelenkt, dass auch ein Führungswechsel, der ganz dem beliebten Bild vom Staffelwechsel entspricht, bei dem also alles so aussehen soll als ändere sich nichts, eben doch ein Abgang und ein Neuanfang ist.

Die Operation, die gestern im Brandenburger Landtag verlief, als sei es ein Routine-Vorgang, kann die Fragen, die sie aufwirft, nur auf Zeit verdrängen. Sie rühren an den Nerv des Landes. Sie heißen: Was wäre aus Brandenburg ohne Stolpe geworden? Und: Was wird Brandenburg mit Platzeck sein?

Was die erste Frage angeht, so lässt sie sich leicht beantworten: Ohne Stolpe wäre Brandenburg heute in einer politisch hoch gefährdeten Verfassung – etwa so, wie das von allen verschrieene Sachsen-Anhalt vor dem Wahl-Drama im April, bloß mit einer noch massiveren PDS-Präsenz. Dass das arme Land im Geleitzug der östlichen Länder heute zwar nicht gerade an der Spitze liegt, aber brav im hinteren Mittelfeld mitfährt, ist Stolpes Verdienst. Seine Integrations- und Moderationsleistung hat zusammengehalten, was von der Struktur und Mentalität her auseinander strebte und auch als Umfeld der „Hauptstadt der DDR“ selig seine eigenen Belastungen besaß. Stolpe hat das mit dem präsidialen Stil geschafft, in dessen Inszenierung er wahrhaftig ein Ereignis war – und mit dem heftigen Streicheln des Landesbewusstseins. Er hat dafür den Preis der vielleicht zu großen Anlehnung des Landes an die Ost-Befindlichkeit gezahlt.

Der neue Ministerpräsident steigt also nicht nur in die in diesen Tagen oft apostrophierten großen Schuhe. Er wird anders gehen müssen. Er hat zwar auch den Hintergrund des Lebens in der, mit der und auch gegen die DDR, der Stolpe den Zugang zu seinen brandenburgischen Mitbürgern ebnete, und er hat sich in seinen bisherigen Ämtern, als Minister und Oberbürgermeister des schwierigen Potsdam als politisches Talent gezeigt. Er hat inzwischen genügend Erfahrungen gesammelt, um die vor dem Lande liegenden Aufgaben anzupacken.

Aber ob er es vermag, die Rolle der immer gegenwärtigen, immer aber auch der normalen Politik etwas enthobenen Bezugsfigur im Gravitationsgefühl des Landes auszufüllen, die Stolpe so meisterlich spielte, muss sich erst noch erweisen. Angesichts von Stolpes Übervater-Charakter kann man sich fragen, inwieweit er es überhaupt versuchen sollte.

Ohnedies ist offen, wie weit das Brandenburg-Bild noch trägt, das Stolpe so herzerwärmend und eben auch erfolgreich dem Land vorgegeben hat. Dieses Leitbild, ein Mythos eher als eine Wirklichkeit, hat für die vergangenen zehn Jahre, die für das Land nichts geringeres als eine Gründungs-Epoche waren, seine unbestreitbare Bedeutung gehabt. Seine Zeit ist auch keineswegs vorbei.

Aber für die Zukunft wird dieses Steig-auf-du-roter-Adler-Brandenburg nicht reichen. Platzeck wird ein in vielen Zügen anderes Brandenburg entwerfen müssen, um das Land weiter auf Kurs zu halten. Auch er wird gut daran tun, dem schwierigen Prozess ostdeutscher Selbstbehauptung Rechnung zu tragen. Aber zugleich wird er das Land aus dem oft lähmenden Bannkreis ostdeutscher Empfindlichkeiten und Selbstbezogenheiten herausführen müssen – stärker, als Stolpe dazu bereit war.

Mit dem gestrigen Nachmittag ist Brandenburg, aller demonstrierten Eintracht zum Trotz, in eine riskante Phase eintritt. Die Koalitionsschwüre von SPD und CDU sind zweifellos ehrlich gemeint, aber es liegt auf der Hand, dass das Koalitionsgefüge sich verändern muss, wenn ein Politiker vom Gewicht Stolpes daraus ausscheidet. Es wird schwerer werden, sich den Umarmungs-Versuchen der PDS zu entziehen – das Berliner Regierungs-Abenteuer warnt. Vor allem steht auf der Probe, wie stabil Brandenburg wirklich ist – nachdem es nun nicht mehr ist, was es zehn Jahre eben doch, mehr oder minder, war: Stolpe-Land.

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