Abwanderung : Sportstadt Berlin?

Berlin kämpft gerade um den Ruf, besonders sportlich zu sein. Das war einmal, und es wird wieder – bloß anders als gedacht. Heimlicher Laufweltmeister sind wir schon.

Friedhard Teuffel

Jede Stadt will gerne Sportstadt sein, weil Sport für Lebensqualität steht, für Jugendlichkeit und attraktive Körper. Außerdem bringen große Sportveranstaltungen viel Geld und internationale Aufmerksamkeit. Als erste Stadt hat sich übrigens Riesa in Sachsen zur Sportstadt erklärt und sogar nach den Olympischen Spielen gegriffen. Das hat bekanntlich nicht ganz geklappt, und mittlerweile bedeutet Sportstadt Riesa vor allem, dass sich dort zweitklassige Boxer gegenseitig auf die Nase hauen.

Auch Berlin kämpft gerade um den Ruf, besonders sportlich zu sein. Der Titel Sportstadt hatte bisher gar nicht ausgereicht, Berlin nannte sich gleich Sportmetropole. Eine der größten Veranstaltungen ist jedoch beerdigt worden, die German Open der Tennisspielerinnen, das DFB-Pokalfinale der Frauen wandert 2010 ab, und das Leichtathletikmeeting Istaf könnte im Juni zum letzten Mal ausgetragen werden. Muss man Berlin den schönen Titel aberkennen?

Ein Prozent der Berliner sind im Sport beschäftigt, eine Milliarde Euro setzt der Sport nach Angaben der Industrie- und Handelskammer jedes Jahr in Berlin um. Doch im Wettbewerb mit anderen Sportstädten hat Berlin ein Handicap. Es fehlen Unternehmen, die ein bedeutendes Tennisturnier oder eine Mannschaft in der Fußball-Bundesliga auch alleine bezahlen könnten. Und um eine Großhalle wie die neue Arena am Ostbahnhof zu bauen, musste schon ein Milliardär aus Amerika kommen.

Die Zugezogenen haben ihr Herz schon vergeben

Um das Geld der Gönner und Sponsoren konkurriert der Sport mit der Wissenschaft und der Kultur. Auch der Senat kann dem Sport nur begrenzt helfen. Während andere Städte ein ganzes Tennisturnier kaufen oder mit Hilfe ihrer Staatsregierung Olympische Spiele, reicht es in Berlin aber immerhin für die Weltmeisterschaften der Leichtathleten.

Mit diesen Titelkämpfen im August wird der Reigen von Weltmeisterschaften in der Hauptstadt zwar zunächst vorbei sein. Allerdings ist er nur unterbrochen: Erst am Donnerstag gab Berlin seine Bewerbung für die Bahnrad-WM 2012 bekannt. Das zeigt: Die Stadt kümmert sich nicht nur um Events, sondern bildet die Vielfalt des Sports ab.

Die wirtschaftliche Schwäche muss Berlin auch im Sport mit den eigenen Stärken ausgleichen: Kreativität und ein bisschen Wurschteligkeit. Den Berlinern fällt bestimmt etwas ähnlich Originelles wie den Düsseldorfern ein, die Skilanglaufwettbewerbe an der Rheinpromenade veranstalteten. Und zum Geldeinnehmen regte Istaf-Chef Gerhard Janetzky schon einen Sponsorenpool an nach dem Vorbild von „Berlin Partner“.

Eine Sportstadt ist sowohl Gastgeber für Sportler als auch selbst aktiv. Weil der Austausch in der Stadt hoch ist, fällt es Vereinen schwer, Mitglieder an sich zu binden. Dem wichtigsten Klub, Hertha BSC, fehlt dadurch die Zuneigung, denn die Zugezogenen haben ihr Fußballherz schon einem anderen Klub geschenkt.

Beim spontanen Sporttreiben sticht Berlin dafür heraus. Die Stadt ist heimlicher Laufweltmeister, vom Vergnügungslauf im Park bis zum Marathon. Berlin geht noch lange nicht die Puste aus.

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