Abwracken ade : Gefühltes Geschenk

Nichts gibt es gratis. So ist es mit Rabatten oder Schlussverkäufen – und eben auch mit der lieb gewonnenen Abwrackprämie. Emotional hat sie viel bewirkt in Krisendeutschland. Autos wurden gekauft, die Binnenachfrage angekurbelt.

Moritz Döbler

Der Amerikaner bennent es seit den 30er Jahren so: „There ain’t no such thing as a free lunch.“ Damals stellten einem findige Gastwirte umsonst Essen auf den Tisch, wenn man wenigstens ein Getränk bestellte. Aber natürlich war der Preis so kalkuliert, dass der Kunde den Lunch aus eigener Tasche bezahlte, ohne es zu merken. Und natürlich wusste das auch jeder. So ist es mit Rabatten, Aktionen, Schlussverkäufen – und mit der lieb gewonnenen Abwrackprämie, von der nun Abschied zu nehmen ist.

Emotional hat sie viel bewirkt in Krisendeutschland. Die Menschen ließen sich anspornen, fröhlich zu konsumieren. Binnennachfrage stärken heißt das im Ökonomenjargon. Die meisten Deutschen hatte die Krise ja gar nicht erreicht (und hat es bis heute nicht): Es gibt keine Inflation, die Energiepreise sind im Keller, die Tarifgehälter leicht gestiegen, und die Arbeitslosigkeit verharrt auf relativ niedrigem Niveau. Die ökonomische Lage der meisten Deutschen ist objektiv gesehen so gut wie lange nicht.

Wer trotzdem seinen Job verloren hat, wer von Kurzarbeit betroffen ist oder so kärglich verdient, dass es zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zu viel ist – nun, für den ist es kaum ein Trost, dass die Krise sich nicht oder noch nicht zu der Depression entwickelt, die zu befürchten war. Diese Verlierer – sie sind eine Minderheit – haben sich kein neues Auto gekauft, keine Prämie kassiert. Für all die anderen aber war das Instrument (das übrigens SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ebenso erfunden hat wie die Agenda 2010) eine Offenbarung: Mensch, der Staat schenkt uns etwas!

Dabei weiß es doch jeder: Geschenkt wird einem nichts, nicht das Würstchen in Amerika und beim Autokauf sowieso nie etwas. Bezahlen werden wir alle und unsere Kinder, denn die fünf Prämienmilliarden sind auf Pump finanziert. Bezahlt haben alle Gebrauchtwagenbesitzer: Der Wert ihrer Autos ist um schätzungsweise 36 Milliarden Euro gesunken. Bezahlt haben die Besitzer freier Werkstätten, weil sie weniger Rostlauben zu reparieren haben. Bezahlt hat auch jeder Neuwagenkäufer selbst, Auto und Prämie: Denn wie beim Gratis-Lunch hat der Autoverkäufer clever an den Preisen gefummelt.

Und was steht außer guter Stimmung auf der Nutzenseite? Nicht viel. Die Autobranche ist mitnichten gerettet, denn auf siebeneinhalb fette Monate folgen viele magere. Ohne eine starke Weltwirtschaft können die deutschen Hersteller sowieso einpacken, denn bisher gingen drei von vier in Deutschland produzierten Autos in den Export. Obendrein hat die Schlüsselbranche auch mit eigenen Versäumnissen und Überkapazitäten zu kämpfen.

Auch für die Umwelt tat die Umweltprämie nicht wirklich viel, weil es keine Emissionsvorgaben gab. Viele kleine Autos wurden verkauft, größere verschrottet: Ja, so sinken Verbrauch und CO2-Ausstoß. Aber absolut fahrtüchtige Wagen zu verschrotten, bleibt ökologischer und ökonomischer Unsinn. Und die Mehrwertsteuereinnahmen aus den gestiegenen Autoverkäufen kann der Staat auch nicht einfach als Plus verbuchen, denn viele haben sich stattdessen die neue Küche, die Sitzecke, den Urlaub gespart.

Die Prämie hat sich trotz aller Bedenken zu einem Exportschlager entwickelt. Die Deutschen als globaler Stimmungsmacher – das ist neu. Doch die nächste Bundesregierung sollte nicht auf Mutmacherprämien allein setzen. Denn die Krise ist längst nicht bewältigt, auch in der Finanzbranche nicht. Das Ende des Absturzes ist noch kein Höhenflug.

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