Abzug aus Irak : Plötzlich machen die Amerikaner ernst

Zum Jahresende zieht der letzte US-Soldat aus dem Irak ab. Die Truppen waren Befreier und Besatzer zugleich. Jetzt fürchten beide Länder die Konsequenzen. Denn der Abzug ist leicht gefordert und schwer zu ertragen.

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Flagge raus. US-Truppen ziehen aus dem Irak ab. Foto: dpa
Flagge raus. US-Truppen ziehen aus dem Irak ab.Foto: dpa

Die Forderung ist fast überall auf der Welt populär: „Ami, go home!“ Freilich nur so lange keine Gefahr besteht, dass sie Realität wird. Wehe, wenn die USA tatsächlich gehen. Dann bangen dieselben Politiker, die den Abzug verlangt haben, um die nationale Sicherheit und um die ökonomische Zukunft der verlassenen Standorte.

Das Muster wiederholt sich nun im Irak. Zum Jahresende zieht der letzte US-Soldat ab. Premier Maliki kam am Montag ins Weiße Haus, um mit Präsident Barack Obama den Übergang in eine neue Phase der Beziehungen zu zelebrieren. Der Irak ist nun souverän und bestimmt sein Schicksal selbst. Obama kann Amerikas Wählern sagen, er habe ein zentrales Versprechen erfüllt. Tatsächlich fürchten beide die Konsequenzen.

So war dies ein Tag voller Widersprüche, im Rückblick wie im Ausblick. Die Amerikaner waren Befreier und Besatzer zugleich. Saddam Husseins grausame Diktatur ist Geschichte, aber zu welchen Kosten! 4500 US-Soldaten sind gefallen. Maliki ehrte sie mit einem Besuch auf dem Nationalfriedhof Arlington. Amerika hat über eine Billion Dollar für die Invasion und den Wiederaufbau ausgegeben – der nationale Nutzen wäre größer, wenn das Geld in Bildung und Infrastruktur daheim geflossen wäre.

Mehr als 100.000 irakische Zivilisten haben im Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden ihr Leben verloren. Der US-Abzug schmeichelt dem Nationalstolz, aber er macht aus den Besiegten noch keine Sieger und aus der Niederlage noch keine Befreiung. Maliki weiß ebenso gut wie Obama: Der Komplettabzug ist falsch und gefährlich. Der Verbleib einiger Tausend GI’s hätte eine hohe abschreckende Wirkung auf Nachbarn wie den Iran, Syrien und auch die Türkei gehabt. Sie alle sehen in einem instabilen Irak mit einer schwachen Zentralregierung eine Spielwiese für ihre eigenen nationalen Interessen.

Die stabilisierende Präsenz einer überschaubaren US-Truppe, an der beide Regierungen im Prinzip großes Interesse hatten, ist an den innenpolitischen Widersprüchen gescheitert. Maliki ist Chef einer komplizierten Koalition. Die vom Iran gesteuerte Fraktion hatte den Auftrag, ein Stationierungsabkommen zu verhindern, und hätte Maliki andernfalls gestürzt. Teheran versucht, den Irak zu einem zweiten Libanon zu machen – mit starken schiitischen Milizen, die militärische Macht alsbald in politischen Einfluss verwandeln.

Auch mit Geiseldramen um entführte Amerikaner im Irak ist demnächst zu rechnen. Als Ersatz für die US-Truppen, die nicht bleiben dürfen, wird die US-Botschaft in Bagdad zu einer Hybridmission aus Diplomaten und zivilen Sicherheitsdiensten mit 16.000 Mitgliedern ausgebaut.

Amerikas Präsenz in Unruheregionen wird stets als Problem gesehen – oft zu Recht. Doch ebenso sicher kommt der Moment, wo die Verringerung amerikanischer Präsenz zu einem noch größeren Problem wird. Der Irak steht an dieser Wegscheide. In Afghanistan folgt sie 2014. Ami, go home? Das ist leichter gesagt als ertragen.

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