Meinung : Ach, wäre Clinton doch noch Präsident…

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Von Jacob Heilbrunn

Ach, diese Berliner! Sie lieben den amerikanischen Präsidenten, sie jubeln ihm zu. 750 000 sind zum Brandenburger Tor gekommen. Und Gerhard Schröder, der zuletzt schlecht zu sprechen war auf den Mann im Weißen Haus, fällt dem Gast aus Washington nach dessen Ansprache zum Tag der deutschen Einheit sogar um den Hals.

Ja, wenn dieser gefeierte Mann George W. Bush hieße, dann wäre alles Gerede um eine Krise der deutsch-amerikanischen Beziehungen widerlegt. Aber es ist Bill Clinton. Sein Auftreten erinnert alle daran, was das für schöne, harmonische Zeiten waren, als er der Präsident war und drei Mal Berlin besuchte: 1994, 1998, 2000. Niemand wird uns aufhalten, alles ist möglich, Berlin ist frei!

Wäre Clinton auch heute an der Macht, so ist aus dem Jubel der Berliner herauszulesen, dann gäbe es auch keine Verstimmung. Weil Clinton doch eine ganz andere Irak-Politik machen würde – oder weil er die Notwendigkeiten so viel besser erklären würde, dass auch die Deutschen bereit wären, an seiner Seite nach Bagdad zu marschieren. Und hat er nicht Bush – sehr dezent – kritisiert?

Die Gedanken sind frei – auch im Wunschdenken. Clinton ist alles, was Bush nicht ist: ein gewandter Redner, der seinem Publikum verspricht, was es hören will; ein Profi des Talkshow-Formats; ein Meister in tausend Details; einer, der nie schläft und hundert Sachen gleichzeitig anpackt. Diese Gaben hätten ihn mehrfach beinahe in die Katastrophe geführt: in der Gesundheitspolitik, bei Monica Lewinsky oder als er am Ende prominente, aber korrupte Reiche wie Marc Rich begnadigen wollte.

Bush bemüht sich konsequent um Härte gegen Irak – da ist er auch mit Deutschland streng. Bush will die liberal-demokratischen Werte überall durchsetzen, notfalls mit Gewalt. Clinton dachte, das ließe sich mit Freihandelsabkommen erreichen. Es ist zu früh, um die Frage zu beantworten, ob Clinton in den acht Jahren Amtszeit, in denen der neue Terror vorbereitet wurde, auf diesem Auge blind war. Stellen muss man sie. Clinton würde eine andere Irak-Politik vertreten. Alle seine Ex-Minister sind zum ersten Mal einig: Saddams Sturz sei das falsche Ziel, man solle sich auf die Vernichtung seiner Waffen konzentrieren. Das tun die UN jedoch erst, seit Bush sie mit seiner knallharten Linie dazu zwingt. Bush will damit nicht nur den Irak, sondern auch den Iran beeindrucken.

Wie Clinton ist auch Schröder ein Meister der Vernebelung, der seine Politik in Anti- Kriegs-Rhetorik packt. Doch die Rhetorik der beiden bedient sich der Vergangenheit – einer Vergangenheit, in der neue Bedrohungen nicht richtig erkannt wurden. Bush und Blair halten Saddam heute für eine Gefahr. Die Clinton-Nostalgie am Tag der Einheit ist schön. Und harmlos. Danach muss Deutschland aus dem schönen Traum zurück in die Realität.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“. Foto: privat

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