Meinung : Achtjähriger Krieg

Militärisch ist Afghanistan nicht zu gewinnen – wohl aber auf vielfältige Weise zu verlieren. Ein Truppenabzug wäre falsch. Denn er hätte auch dramatische Folgen für die Glaubwürdigkeit der Nato.

Michael Schmidt

Die deutschen Soldaten sollten nicht einen Tag länger in Afghanistan bleiben als unbedingt nötig. Peter Ramsauer, Landesgruppenchef der CSU, hat das gesagt – und damit vielen aus dem Herzen gesprochen. Allein, es hat nie jemand etwas anderes gefordert. Und die entscheidende, aber nach wie vor strittige Frage bleibt: Wie lange ist „unbedingt nötig“? Und nötig für was?

Vor der Bundestagsabstimmung über eine Ausweitung des Afghanistaneinsatzes am heutigen Donnerstag ist der Ruf nach einer Ausstiegsstrategie noch einmal lauter geworden. Der Krieg am Hindukusch ist schon jetzt der aufwendigste multinationale Hilfs- und Militäreinsatz aller Zeiten. Acht Jahre nach dem Sturz der Taliban beteiligen sich 50 Länder, 1000 Hilfsorganisationen und 70 000 Soldaten am Wiederaufbau des Landes. Mehr als 200 Milliarden Euro sind geflossen – und trotzdem ist ein Ende nicht absehbar.

Man mag dem Krieg gegen das Taliban-Regime zumindest rückwirkend zwei Ziele zuschreiben. Erstens einen Hort des Terrorismus auszumerzen – was zum Teil gelungen ist. Und zweitens dafür zu sorgen, dass Sicherheit und Stabilität gewährleistet sind, wenn die internationalen Truppen und Helfer Afghanistan verlassen – ein Zustand, von dem das Land nach wie vor weit entfernt ist.

Nicht raus aus Afghanistan ist jedoch das Gebot der Stunde, sondern bilanzieren, Inventur machen, feststellen, woran es mangelt – und dann nochmals mit Verve die Probleme anpacken: Das Erstarken der Taliban, der boomende Drogenanbau, die Konzentration auf die von den Stammesfürsten nicht ernst genommene Zentralregierung in Kabul, die mangelhafte internationale Koordination, die unzähligen nicht gehaltenen Versprechungen – zum Beispiel in Sachen Polizeiausbildung. Die von der Europäischen Union zugesagte Zahl von 400 Ausbildern war schon lächerlich, doch selbst die wurde nie erreicht.

Nein, wer jetzt rausgeht, hinterlässt nicht nur pures Chaos und eine sich absehbar erneut zum Weltzentrum des Terrorismus entwickelnde Region, sondern lässt auch die Opfer der Bundeswehr sinnlos und vergebens erscheinen. Der Irak, wo die Amerikaner sich gerade aus den Städten zurückziehen, kann allerdings kein Vorbild sein. Zu unterschiedlich sind die Gegebenheiten. Im Zweistromland gab es vordem keinen Terror, keinen Drogenanbau, die geografischen Gegebenheiten sind ganz andere. Afghanistan muss einen eigenen Weg gehen.

Militärisch ist das Land nicht zu gewinnen. Wohl aber auf vielfältige Weise zu verlieren. Mit dramatischen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Nato. Kann sich das mächtigste Militärbündnis der Welt gegen ein paar Taliban mit selbst gebastelten Sprengsätzen nicht durchsetzen, wäre es um seine Abschreckungswirkung geschehen. Die dem Nato-Selbstverständnis innewohnende Drohung – wer einen von uns angreift, greift uns alle an – würde keinen Aggressor mehr sonderlich beeindrucken. Fraglich, ob das die Welt sicherer machte.

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