Adieu, Schering : Helle Köpfe – Chance für Berlin

Die Marke Schering verschwindet. Trauer muss Berlin nach der Bayer-Entscheidung jedoch nicht tragen. Die Stadt kann auch – sicher: mit einer Träne im Knopfloch – mit dem Ende des bedeutenden Namens leben.

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Hormone im Blick. Laborarbeit hat bei Schering eine lange Tradition. Aus dem Weddinger Werk kamen viele neue Medikamente. Foto: promoAlle Bilder anzeigen
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09.11.2010 19:09Hormone im Blick. Laborarbeit hat bei Schering eine lange Tradition. Aus dem Weddinger Werk kamen viele neue Medikamente.

Ein kleiner Schock ist es doch: Die Marke Schering verschwindet. Es ist nicht nur, dass damit über dem größten Berliner Unternehmen, das über die Jahrzehnte hinweg der wirtschaftliche Leuchtturm der Stadt war – und immerhin die Antibabypille für die Bundesrepublik erfunden hat –, die Fahne des vertrauten Namens eingezogen wird. Wenn das Traditionsunternehmen in Wedding künftig unter dem Bayer-Kreuz aus Leverkusen segelt, verliert sich ja irgendwie auch die Spur einer Berliner Erfolgsgeschichte, an deren Anfang jener Ernst Christian Friedrich Schering steht, der anno 1851, ganz in der Nähe, in der Chausseestraße, seine Apotheke gründete. Nun wird sie nach den Riten der Globalisierung auf dem Altar der weltweiten Markenpolitik geopfert.

Kann das die Versicherung der Konzernherren in Leverkusen ausgleichen, dass ihnen der Standort Berlin lieb und teuer sei? Tatsächlich wird ja in Wedding weiter produziert und geforscht. Gewiss, die Konzern-Funktionen sind seit der rauen Übernahme von Schering durch Bayer zum guten Teil ins Rheinland abgewandert. Aber das Berliner Pharmapotenzial ist durch den Anschluss an den Chemieriesen mit seinen weltweiten Geschäftsfeldern eher gestärkt worden. Und es gibt keinen Grund, weshalb sich das ändern sollte, auch wenn die Firma nun – als „Bayer Health Care“ – unter einem der heute üblichen, modisch verbogenen, Kürzel-Namen auftritt.

Man muss also wohl das Herz über die Hürde werfen und den Industriepolitikern glauben, dass ein Unternehmen in der Größe von Schering den Anschluss an einen großen, weltweit operierenden Konzern braucht – nicht nur, um zu überleben, sondern um seine Stärken zu entwickeln, was seinerseits die Bedingung des Überlebens ist. Zugleich ist es allein die Leistungsfähigkeit einer Firma, die auf Dauer ihre Existenz sichert. Und der Komplex an der Müllerstraße ist und bleibt die treibende Kraft in der Gesundheitswirtschaft der Stadt. Zusammen mit den Pharmafirmen, die wichtige Unternehmenszentralen in die Stadt verlagert haben – zu ihnen gehörten zuletzt klangvolle Namen wie Pfizer und Sanofi Aventis –, mit der Charité und den zahlreichen kleineren Unternehmen der Branche wird er Berlins wirtschaftlich-industrielle Zukunft mitbestimmen.

Natürlich, sein industrielles Schicksal hat Berlin druckempfindlich werden lassen. Erst verabschiedeten sich die großen Firmen aus West-Berlin, dann brachen, nach der Wende, die alten Ost-Berliner Traditionsfirmen zusammen. Die großen Namen, die Berlins Wirtschaft einst das Gesicht gaben, sind untergegangen oder verblasst, und die Erwartungen, dass das vereinigte Berlin bedeutende Unternehmen anziehen würde, haben getrogen. Andererseits hat die Stadt gerade in den letzten Jahren wirtschaftlich wieder Fuß gefasst.

Der zarte Hoffnungsschimmer kann über die Lage nicht hinwegtäuschen: Den Rang, den Berlin als europäische Industriestadt einst hatte, wird die Stadt kaum je wieder erreichen. Aber sie hat ihre Chancen – gerade als Standort für Industrieansiedelungen, die von Wissenschaft, Forschung und Innovation getragen werden und qualifizierte Menschen anziehen. Und sollte man nicht davon ausgehen können, dass auf Dauer auch die Wirtschaft profitiert, wenn eine Stadt Hauptstadt ist und voller Leben? Es könnte ja gut sein, dass Berlin für manchen hellen Kopf attraktiver ist als – sagen wir – Leverkusen.

Nein, Trauer muss Berlin nach der Bayer-Entscheidung nicht tragen. Die Stadt kann auch – sicher: mit einer Träne im Knopfloch – mit dem Ende des bedeutenden Namens leben. Ob die Umbenennung der Weisheit letzter Schluss war, kann man ohnedies bezweifeln. Doch geputzte Messingschilder sind es nicht, die Berlins wirtschaftliche Zukunft begründen. Wichtiger wäre es, wenn die Wirtschaft der Stadt nach der Phase der Einbrüche und nachfolgender Larmoyanz, die sie nach der Wende erlebte, auch die Stufe der programmatischen Papiere, der Leitprojekte und Masterpläne hinter sich ließe. Und den Blick nach vorn richtete.

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