Ägypten : Ohne Kurs

Mohammed Mursi hat es die Sprache verschlagen. Ob zu den Feuerbrünsten an der Nil-Corniche, dem Bürgeraufstand in Port Said mit über 50 Toten, den Dauerkrawallen in der Hauptstadt oder dem Ballonunglück mit 19 toten Touristen in Luxor – zu allem schweigt der erste demokratisch gewählte Staatschef Ägyptens. Den Minibusfahrern in Kairo geht inzwischen der Sprit aus, den Bauern der Diesel für ihre Feldpumpen, den Bäckern das Mehl und den Industriebetrieben die Zulieferteile aus dem Ausland. Ägyptens öffentliche Ordnung zeigt schwere Risse, die Polizei funktioniert kaum noch, und der Devisenmangel ist inzwischen so kritisch, dass Wirtschaft und Versorgung schon bald ins Taumeln kommen werden. Ägypten geht dem schwersten Sommer seit Dekaden entgegen, geführt von einem so machtbesessenen wie überforderten Präsidenten und einer Regierung, die nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Unversöhnlich stehen sich Islamisten und Liberale gegenüber. Die Opposition versteift sich auf den Sturz Mursis und sucht die Konfrontation auf der Straße. Der Muslimbruder wiederum weigert sich, das schlingernde Staatsschiff durch echtes Entgegenkommen an seine politischen Kontrahenten wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Stattdessen spielt er auf Zeit und klammert sich verbissen an das Steuerrad. Seine Nation aber läuft dadurch immer mehr aus dem Ruder. M.G.

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