Meinung : Ähnliche Unterdrückung, derselbe Hass

Kirgisien, Usbekistan, Tadschikistan: Auch die ehemaligen Südrepubliken der Sowjetunion leiden unter islamischen Extremisten / Von Elke Windisch

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Sie brandschatzten Dörfer im kirgisischen Teil des Fergana-Tals. Sie nahmen mehr als zweihundert Geiseln. Das war im Jahr 1999. Schon im Sommer 2000 wagten sie sich in die Nähe der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Zufällig verhinderten Sicherheitskräfte die Sprengung eines Staudamms, der die Zwei-Millionen-Metropole binnen weniger Minuten überflutet hätte. Die Anti-Terror-Operation in Afghanistan überstanden die meisten radikalen Islamisten auch ohne größere Verluste. Gegenwärtig gruppieren sie sich in Pakistan neu und die Staaten Zentralasiens rüsten sich zu neuen Abwehrmaßnahmen gegen die religiösen Fanatiker. Sie sind die Drachensaat einer verfehlten Nationalitätenpolitik der ehemaligen Sowjetunion und gleichzeitig das logische Ergebnis von Demokratiedefiziten in deren muslimischen Nachfolgestaaten.

Allein die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) hat 5000 Kämpfer unter Waffen. In ihrer Mehrzahl zwar Bürger Usbekistans, ethnisch jedoch Tadschiken, die sich traditionell als einzige Träger von Hochkultur und Islam in Zentralasien verstehen. Die Tadschiken sind eine Erfindung der Sowjets, als nsgeber diente ein halb vergessener Stammesführer, den die roten Kommissare Anfang der Zwanziger ausgruben. Menschen, die sich als Iraner fühlten, sollte künftig nichts mehr mit zweieinhalbtausend Jahren glanzvoller Vergangenheit verbinden.

Die Urbevölkerung Zentralasiens sind iranische Stämme, ihr Siedlungsgebiet gehörte zum Kernland der persischen Weltreiche der Achämeniden und der Sassaniden. Deren Staatsräson war die Lichtreligion Zarathustras, die den Menschen zur Entscheidung für Gut oder für Böse zwingt. Prinzipien, die im 10. Jahrhundert in Firdousis Schah-name-Epos Namen und Ort bekamen: Turan, das Reich der Finsternis in Wüsten und Steppen zwischen Kaspi- und Aralsee, Heimat türkischer Nomadenkrieger und tödliche Bedrohung für Iran. Dessen Völker wurden schon Mitte des siebten Jahrhunderts von den Arabern zum Islam bekehrt. Doch die Samaniden, die von Buchara aus auf den Trümmern des Abbasiden-Kalifats ein neues Großreich gründeten, knüpften bewusst an persische Traditionen an. Ihnen können sich auch die turkomongolischen Eroberer nicht entziehen – Karachaniden, Karluken, die Horden Dschingis Khans und Timur Lenks und die aus dem Ural südwärts wandernden Usbeken, die erst seit dem 16. Jahrhundert in Zentralasien mitmischen.

Den Islam nahmen sie eher oberflächlich an. Dennoch wurde er, der Nationen negiert und nur die Umma – die Weltgemeinschaft der Gläubigen – anerkennt, zum Kitt für die zahlreichen, lose organisierten und ethnisch durchmischten Kleinstaaten in Zentralasien. Südtadschikistan wurde dem von London abhängigen Afghanistan zugeschlagen, der Norden wurde Protektorat der Zaren, behielt aber innere Autonomie. Erst die Sowjets schufen nach dem Teile-und-Herrsche-Prinzip Sowjetrepubliken, deren Grenzen willkürlich durch das Siedlungsgebiet der Völker Zentralasiens gezogen wurden. Großstädte mit fast ausschließlich tadschikischer Bevölkerung wie Samarkand und Buchara gingen an Usbekistan – und wurden Zentren des islamischen Widerstands.

Während der Perestroika waren meist ethnische Tadschiken Gründerväter erster oppositioneller, demokratischer Bewegungen, deren Imame sich als Repräsentanten des inoffiziellen, von den Kommunisten nicht gleichgeschalteten Islams verstanden. Mangels Alternativen konstituierten sie sich vor allem in Moscheen. Bald standen sie in Konkurrenz zu Emissären radikaler islamischer Organisationen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, die von der beginnenden Öffnung der UdSSR und dem Unmut der Bevölkerung über Moskaus Afghanistankrieg profitierten. Denn dieser zwang die zentralasiatischen Muslime, gegen ihre Glaubensbrüder zu kämpfen.

Die IMU verstand sich daher zunächst als Protestbewegung. Massenzulauf bekam sie erst nach der Unabhängigkeit Usbekistans 1991, als Präsident Islam Karimow, ehemals KP-Chef der Republik, die zunächst laizistische Opposition mit brutalen Verfolgungen mundtot machte. Die radikalisierte sich darauf zwangläufig, noch begünstigt von wirtschaftlichem und sozialem Notstand.

Erneut wurden Moscheen zum Sammelpunkt Unzufriedener. Viele dieser Usbeken kämpften während des tadschikischen Bürgerkriegs auf Seiten der Opposition, deren Koalitionsregierung Ende 1992 mit Hilfe Moskaus und Karimows gestürzt worden war. Zusammen mit der tadschikischen Opposition flüchteten sie nach Afghanistan, wo sie zunächst Premierminister Gulbuddin Hekmatyar gegen den pro-russischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani und nach Hekmatyars Niederlage gegen die Taliban diese unterstützten.

In usbekischen Problemregionen wie dem Fergana-Tal oder Choresmien ist die Popularität der radikalen Islamisten ungebrochen. Nicht zuletzt, weil die militärische Präsenz der Amerikaner nicht die erwartete Verbesserung der Menschenrechtssituation brachte. Schlimmer noch: Karimow interpretierte massive Dollar-Infusionen als Generalpardon für sein totalitäres Regime und blies zu neuen Repressionen, wovon bisher vor allem die Radikalen profitieren.

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