Ärger mit der Bahn : Unser liebstes Unternehmen

30.12.2010 11:45 UhrVon Alfons Frese
Das Winterwetter macht der Bahn Probleme. Foto: AFP
Das Winterwetter macht der Bahn Probleme. - Foto: AFP

"Wir wollen den besten Service der Welt bieten", hat Bahnchef Grube gesagt, als er die Arbeit aufnahm. Gut für ihn, dass er dieser Tage keinen Bahnopfern auf dem Bahnsteig begegnet - denn die Deutschen regen sich beim Thema Bahn besonders gern auf.

Spinnen die Scheichs? Oder sind sie so wagemutig, weil es eher selten Schnee gibt in der Wüste? Jedenfalls haben sie der Bahn einen fetten Milliardenauftrag erteilt zum Aufbau eines Schienennetzes in Katar. Unserer Bahn! Ob die Katarer mitbekommen haben, wie es im vergangenen Sommer plötzlich ziemlich heiß wurde in manchen ICEs, weil die Klimaanlage schlapp machte? Und hoffentlich brauchen sie in Doha keine S-Bahn, jedenfalls nicht das in Berlin verkehrende Modell.

Die Bahn ist wunderbar. Außer Missbrauch in der Kirche gibt es kein Thema, bei dem die Deutschen so gern in die Luft gehen. Gelegenheit dazu gibt es immer. Denn einer der täglich fahrenden 27.000 Züge wird schon ausfallen, zu spät kommen oder völlig verdreckt sein.

Und garantiert sitzt dann ein Journalist im Zug oder ist irgendein Verkehrspolitiker betroffen. Die Bahn ist ein Staatsunternehmen, und deshalb versteht sich jeder als Bahnexperte. Die Politiker sowieso. Das erleichtert Bahnchef Rüdiger Grube und seinen 190.000 Mitarbeitern in Deutschland – weitere 100.000 gibt es im Ausland – nicht eben die Arbeit.

Eine Entschuldigung für schlechten Service und unzulängliche Technik ist das nicht. Doch was ist wirklich passiert seit dem Herbst 1966, als die damals westdeutsche Bahn sich mit dem Slogan „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ gegen das Auto positionierte?

Die Züge sind moderner geworden, viel schneller, bequemer und, ja doch, auch pünktlicher. Vollgepackt mit Elektronik aber auch anfälliger. Spätestens seit der ICE-Katastrophe von Eschede 1998 steht die Sicherheit der schnittigen Fernverkehrszüge ganz oben. Die Werkstattintervalle der Züge wurden vervielfacht, als vor zweieinhalb Jahren ein ICE in Köln entgleiste. Nun gibt es zu wenig Fernverkehrszüge, und es dauert Jahre, bis die Lücke mit Neuanschaffungen geschlossen wird.

Gegen vom Blitzeis außer Betrieb gelegte Oberleitungen kann die Bahn wenig machen. Aber sehr wohl neben den Trassen auf regelmäßigen Baumschnitt achten – damit bei Sturm oder unter Schneelasten keine Äste auf die Schienen krachen. Und auch der Umgang mit den Weichen ist unzulänglich; es reicht offenbar nicht, wenn von 65.000 Schienenweichen zwei Drittel beheizt und damit auch im Winter funktionsfähig sind.

„Wir wollen den besten Service der Welt bieten“, hat Bahnchef Grube gesagt, als er vor anderthalb Jahren die Arbeit aufnahm. Gut für ihn, dass er dieser Tage keinen Bahnopfern auf dem Bahnsteig begegnet. Noch kann man zu Grubes Entlastung die Börsenträume seines Vorgängers und vieler Politiker anführen. Rentabilität und Profite waren wichtiger als die nachhaltige Arbeit an einem guten Produkt: optimale Technik, genügend Personal, Konzentration auf den Kunden und nicht auf den Kapitalmarkt.

So ist denn viel versaut worden bei unserer Bahn, die eben kein normales Unternehmen ist, das man mal eben mit Hilfe von McKinsey-Leuten für die Börse präpariert. Die Bahn ist ein System, in dem an zwei Tagen so viele Menschen unterwegs sind wie mit der Lufthansa in einem ganzen Jahr. Das Image hat schwer gelitten, dabei ist die Bahn noch immer das zuverlässigste, sicherste, sauberste und bequemste Verkehrsmittel. Und wir haben Ansprüche an unsere Bahn, weil sie für den Alltag so wichtig ist und weil wir deshalb jedes Jahr Milliarden unserer Steuergelder für sie ausgeben. Deshalb dürfen wir uns auch ein bisschen aufregen. Und gefälligst Besserung erwarten.

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