Ärzte-Honorare : Sprechende Medizin

Es lebe die Übertreibung. Dass protestierende Ärzte den Untergang ihres Berufsstandes an die Wand malten und sich in ihren Verarmungsszenarien bereits den Hartz-IV-Empfängern zugesellten, ist nicht lange her. Nun geht es andersherum.

Rainer Woratschka

Die Rede ist von Schamlosigkeit, skrupellosen Lobbyisten, nie dagewesenen Honorarzuwächsen auf Kosten der krisengebeutelten Restbevölkerung. Und von Doktoren im Glücksrausch.

Tatsächlich ist der Sprung von Existenzangst in Euphorie schon aus gesundheitlicher Sicht bedenklich. Und vielleicht empfiehlt sich auch hier eher das Maßhalten. Nehmen wir Berlin, die Stadt der großen Gewinner. Für deren Ärzte, so verkündete die Kassenärztliche Vereinigung, seien die Honorare dank der jüngsten Reform geradezu explodiert. Das Plus im ersten Quartal betrage mehr als 32 Prozent. Aber gab es zu Jahresbeginn von derselben Vereinigung nicht noch Zahlen, die Schlimmstes befürchten ließen? Reicht es jetzt plötzlich wieder für ein neues Ultraschallgerät und das Urlaubsgeld der Arzthelferin? Oder profitieren doch nur wieder die mit den vielen Apparaten?

Gewiss ist derzeit vor allem eines: Die über Gebühr jammernden Ärzte haben sich einen Bärendienst erwiesen. Sie müssen sich nun den Fragen erboster Patienten stellen, die sie im Honorarpoker benutzt haben und für deren eigene Jobs, so überhaupt noch vorhanden, solche Einkommenszuwächse unvorstellbar sind. Bei der nächsten Honorarrunde werden sie mit einem gewissen Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen haben.

Doch Substanz für eine große Neiddebatte enthalten die Honorarzuwächse nicht. Schon weil sie sehr ungleichmäßig verteilt sind. Vom Ganzen her besehen ist die Systematik ja vernünftig: Berliner Ärzte, bislang im bundesdeutschen Honorarvergleich weit abgeschlagen, erhalten deutlich mehr. Die Spitzenverdiener im Süden dagegen bekommen weniger oder müssen sogar kleine Einbußen hinnehmen. Klar, dass es dort Proteste gibt. Wichtiger aber ist der Ausgleich. Dass die immer rarer werdenden Mediziner im Osten nun endlich aufschließen. Und dass mehr Geld in Regionen mit wenigen Privatpatienten und vielen Arbeitslosen fließt. Dem Kinderarzt in Neukölln, der sich quasi ehrenamtlich noch als Sozialarbeiter betätigt, ist auch eine zweistellige Erhöhung zu gönnen – zumal sie auf niedrigen Ausgangswerten basiert.

Noch ein Zweites scheint sich zum Positiven zu bewegen. In technische Verrichtungen wie die Labormedizin fließt nun weniger Geld, dafür werden Zuwendungen wie Hausbesuche gesondert honoriert. Der flotte Patientendurchlauf vieler Praxen belegt, dass das nötig ist. „Sprechende Medizin“ ist immer noch unterbezahlt. Dabei ließe sich viel Geld sparen, wenn Mediziner ihren Patienten genauer zuhören und dafür manche unnötige Doppeluntersuchung vermeiden würden. Oder wenn nicht jedem Arzt ökonomisch nahegelegt wird, sich einen riesigen Apparate-Park in die Praxis zu stellen, den er aus Kostengründen dann auch möglichst intensiv zu nutzen gezwungen ist.

Die moderne Medizin ist ein Spiegel der Gesellschaft. Technische Spezialisierung wird hoch honoriert, die Arbeit am Menschen dagegen kaum. Der Bedarf ist oft ein anderer. Immer mehr Menschen leiden unter fehlender Zuwendung. Immer weniger wollen seelenlose Pflege in Klinik und  Heim akzeptieren. Und kompetente Kinderbetreuung ist vielen wertvoller als ein noch schnellerer Computer.

Es wird Zeit, dass sich solche Bedürfnisse im Gehaltsgefüge auswirken. Die Millionen für die Kitabeschäftigten sind ein solches Signal. Die Milliarden für die Ärzte könnten auch eines sein. Wenn man Liegezeiten in Krankenhäusern verkürzt, muss man mehr in ambulante Versorgung investieren. Allerdings muss man gerecht verteilen – und Medizinern den Rücken freihalten. Dass die Sache mit den Protesten so danebenging, hing mit undurchschaubaren Abrechnungsstrukturen zusammen. Wenn Ärzte genau wüssten, wie viel sie zu welchem Zeitpunkt für welche Leistung verdienen, würden sie nicht von unbegründeter Existenzangst befallen – und gingen vielleicht auch keinem maßlosen Lobbyisten mehr auf den Leim.

0 Kommentare

Neuester Kommentar