Meinung : Ärztelandverschickung

Statt junge Mediziner in den Osten abzukommandieren, sollte man die Angebote verbessern

Rainer Woratschka

Gerade sind sie ihren verhassten „Arzt im Praktikum“ losgeworden, schon sollen sie wieder zwangsverpflichtet werden – nur diesmal nicht für einen Hungerlohn im Klinikum, sondern als Ausputzer im Osten. Für junge Mediziner sei das doch eine wertvolle medizinische und menschliche Erfahrung, schalmeit die AOK – wohlwissend, dass sich solche Erfahrung genauso gut anderswo machen lässt, freiwillig und besser bezahlt. Im Ausland nämlich, wohin sich immer mehr junge Mediziner verabschieden.

Dass der furiose Vorschlag eines Pflichtjahres diesen Trend stoppen könnte, wird kaum einer behaupten wollen. Er wird ihn weiter befördern. Warum sollten sich Uni-Absolventen nach schwierigem Studium in strukturschwache Gebiete abkommandieren lassen, wenn man ihnen anderswo weit bessere Konditionen bietet. In der finanzkräftigen Pharmabranche etwa. Ist der Wechsel erst vollzogen, gibt es kein Zurück mehr – und das Land hat wieder einen Arzt weniger. Was übrigens auch einen Trend beschreibt: zu immer mehr Medizin und immer weniger Medizinern.

Ging es den Kassenfunktionären also nur um das Wohl der Patienten in Mecklen- oder Brandenburg, die vor verschlossenen Praxen stehen, weil ihr Hausarzt partout keinen Nachfolger gefunden hat? Stellen wir uns das ruhig einmal vor: Der Nachfolger ist dann ein unerfahrener Berufseinsteiger, dem aller Voraussicht nach auch noch jegliche Motivation fehlt – weil er zu dem Job verdonnert wurde und ohnehin bald wieder weg ist. Der Hausarzt als Lotse im Gesundheitssystem, dem Patienten in engem Vertrauensverhältnis verbunden – von wegen. In einem Jahr kommt der nächste.

Es ist traurig, dass sich die Krankenkassen in Flickschuster-Ideen verrennen und das Naheliegende nicht sehen: dass ärztliche Versorgung in der Fläche nur noch funktioniert, wenn man die Ärzte dort aufwertet. Anders als in schönen Fernsehklischees handelt es sich nämlich um einen Knochenjob.

Damit ihn nicht nur noch die selten gewordene Spezies der Idealisten ergreift, muss sich die Honorierung ändern. Überlandfahrten, Nachteinsätze, das Gespräch mit Patienten müssen, im Vergleich zur Apparatemedizin, deutlich besser bezahlt werden. Und es braucht andere Strukturen. Wer nicht den Mut oder elterlichen Rückhalt zur riskanten Investition hat, muss auch als angestellter Arzt arbeiten können. Ärztinnen mit Kindern brauchen Teilzeitjobs. Solche Angebote könnten angehende Ärzte motivieren – zum freiwilligen Umzug in die gefürchtete Provinz.

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