Meinung : Afghanistan: Auf sich gestellt in Kandahar

Malte Lehming

Für jeden Krieg gilt eine oberste Regel: Es gibt keine Regel. Begriffe wie "umfassendes Gesamtkonzept" oder "schlüssige Strategie" täuschen eine Klarheit vor, die nicht existiert. Das Erfolgsrezept heißt Flexibilität. Zur klugen Planung gehört es, alle eingesetzten Mittel zu überprüfen. Kein Plan überlebt den Kontakt mit der Realität unverändert.

Das lässt sich, einmal mehr, in Afghanistan beobachten. Niemand in den USA wusste am 7. Oktober, wie die Taliban-Führung auf den Beginn der "Operation dauerhafte Freiheit" reagieren würde. Möglich waren viele Szenarien. Vielleicht würde der Gegner sich in Städten hinter Zivilisten verschanzen. Vielleicht verfügte er über unbekannte Waffen. Vielleicht würden die Bombardements zu einer Solidarisierung der Bevölkerung führen.

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Überraschend schnell wurde dann der Norden des Landes befreit. Gezielte Luftschläge ebneten der Nordallianz den Weg. Im Süden, um die Taliban-Hochburg Kandahar herum, ist die Lage anders. Dort leben mehrheitlich Paschtunen, die größte Minderheit. Aus deren Reihen haben sich die Taliban rekrutiert. Die Nordallianz, die von Usbeken und Tadschiken dominiert wird, wird im Süden nicht als Befreier empfunden, sondern niederer Besatzungsgelüste verdächtigt - und hat deshalb keine Basis in der Bevölkerung. So sind die Amerikaner, bis auf die Unterstützung einiger weniger Paschtunen-Kommandeure, auf sich gestellt.

Das ist der Grund für den ersten Einsatz einer größeren Landstreitmacht. Die Marines sollen einen Stützpunkt sichern, von dem aus sich weitere Aktionen leichter ausführen lassen, nicht zuletzt die Suche nach Osama bin Laden: Das Netz wird enger gezogen, damit er nicht entschlüpfen kann, falls er sich denn in Kandahar aufhält. Einfacher ist nun auch die Überwachung der Grenzen nach Pakistan und in den Iran. Zur neuen Etappe werden auch Kämpfe gegen kleinere Taliban-Konzentrationen gehören.

Eine Eroberung Kandahars, mit riskanten Straßenschlachten, ist vorerst nicht geplant. Vielmehr geht das Pentagon ein kalkuliertes Risiko ein. Bodentruppen plus fortgesetzte Bombenangriffe sollen den Druck auf die Taliban dermaßen erhöhen, dass sie - bedrängt von mehr und mehr Paschtunen - schließlich aufgeben. Misslingt dies, muss die Taktik erneut gewechselt werden.

Der Kampf gegen den Terrorismus ist in einem hohe Maße unbestimmt und unkalkulierbar. Sein Verlauf entzieht sich der sicheren Prognose. Womöglich sind es diese Momente des Unstatischen, des Flexiblen, des In-der Entwicklung-Befindlichen, die in dieser neuartigen Auseinandersetzung für viele Menschen am schwersten zu ertragen sind. Sie sehnen sich nach Übersichtlichkeit und Ordnung, nach Anfang und Ende. Doch die Dinge sind nun mal im Fluss. Das trifft auf Afghanistan ebenso zu wie auf die Frage, was danach kommt.

Stichwort Irak: Rhetorisch legt die US-Regierung bereits kräftig drauf. Die Einführung eines neuen Sanktionssystems scheitert zwar nach wie vor am Widerstand der Russen; das ist überraschend angesichts der angeblichen Busenfreundschaft zwischen George W. Bush und Wladimir Putin. Stattdessen wollen sie Saddam Hussein jetzt zwingen, wieder UN-Waffeninspekteure in sein Land zu lassen. Auf die Frage, was im Falle einer Weigerung geschieht, sagte Bush am Montag: "Das wird er herausfinden." Übersetzt heißt das: "Ich weiß es nicht."

Wie könnte er auch? Nur ein Tor kann bestreiten, dass von Saddam Hussein weiterhin Gefahr ausgeht. Im Irak gibt es Terror-Lager, das Regime arbeitet an der Entwicklung biologischer und chemischer Waffen. Und auch wenn der Diktator selbst keinen Gebrauch davon machen sollte: Was hindert ihn, das Teufelszeug den Osamas dieser Welt zu geben? Andererseits fehlt Amerika eine überzeugende Option. Der Sturz Saddams wäre ein zu ambitioniertes Ziel. Allein auf die Effizienz etwaiger Waffeninspekteure zu setzen, wäre naiv. Bleibt nur eines - irgendwie den Druck erhöhen, ohne einen Reaktions-Automatismus in Gang zu setzen. Das Rezept für den Erfolg heißt Flexibilität.

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