Meinung : Afghanistan: Ein Mythos ist verschwunden

Hans Monath

Manchmal sind drei Monate eine sehr, sehr lange Zeit. In Amerika waren es zwölf Wochen der Angst, des Zorns und, nicht zuletzt, des Handelns; in Deutschland zwölf Wochen der Angst, des Zauderns und, nicht zuletzt, des vorsichtigen Aufbruchs. Genau drei Monate nach den Angriffen gegen New York und Washington am 11. September haben die Al-Qaida-Kämpfer Osama bin Ladens in ihrem letzten Rückzugsort in den Bergen bei Tora Bora ihren Widerstand offenbar aufgegeben. Es war eine gute Nachricht für Afghanistan und eine gute Nachricht für all jene Länder, deren westlicher Kultur die Al-Qaida-Terroristen den Krieg erklärt hatten.

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Die Bedrohung ist damit aber noch nicht vorbei. Denn Afghanistan war die zentrale und wichtigste Basis der Al Qaida, aber nicht die weltweit einzige. Noch ist auch nicht bekannt, wo sich Drahtzieher bin Laden aufhält, ob er gefallen oder vielleicht geflohen ist - und ob er oder seine Leiche überhaupt je gefunden werden. Aber zumindest sind viele Befürchtungen und viele Ängste nicht Wirklichkeit geworden, die sich mit diesem Teil des Kriegs gegen den Terrorismus verbunden haben.

Es war Zeit, die letzten Regionen von der Herrschaft der Taliban zu befreien, um den Anspruch der Übergangsregierung auf Herrschaft über das ganze Land durchzusetzen und den Hilfsorganisationen möglichst schnell wieder Zugang zu den Hungernden und Frierenden zu verschaffen. Es wird auch ein großer Vorteil sein, wenn amerikanische Bomberpiloten und Marines möglicherweise nicht mehr parallel mit einer neuen UN-Schutztruppe für Kabul agieren müssen. Es ist aber ebenso wichtig, dass die stillen und weniger stillen Freunde der Terroristen in vielen Ländern nun die Erfahrung machen, dass Al Qaida besiegbar ist und gegen eine große Allianz von Regierungen und die Militärmacht der Vereinigten Staaten nicht bestehen konnte. Dass sie nicht sicher sein können - nirgends.

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass bin Laden zu einem Märtyrer wird - die Wahrscheinlichkeit dieser Entwicklung aber ist viel geringer geworden. Manche hatten gewarnt, dass ein militärischer Angriff auf Afghanistan das ganze Land gegen den Westen aufbringen würde. Nun arbeitet zumindest die neue, sicher sehr fragile Regierungskoalition eng mit den UN, mit der EU und den USA zusammen. Weil Afghanistan die Chance für eine bessere Zukunft hat, kann sich der geschlagene bin Laden nicht mehr zum Helden aufspielen. Ein Land, das Hoffnung hat, braucht seine Hetze nicht mehr.

Viele Befürchtungen über diesen Feldzug galten hier zu Lande fast als gesicherte Erkenntnis: Der Krieg sei nicht zu gewinnen, hieß es, das bewiesen das russische Trauma am Hindukusch und die Vietnam-Erfahrung der USA. Dabei gab es für die Taliban keinen Dschungel zum Verstecken und nach dem Beitritt Pakistans und anderer Nachbarstaaten zur Anti-Terror-Allianz keinen Rückzugsraum mehr - und vor allem kein den USA feindlich gesonnenes Großreich, das die Kämpfer mit Waffen versorgte. Noch immer bieten Pakistan und die vielen Islamisten in seinem Sicherheitsapparat geschlagenen Taliban-Kämpfern und vielleicht auch bin Laden selbst Unterstützung - aber es ist nur Hilfe zum Rückzug, keine Hilfe mehr zu einem Sieg.

Es klingt wie eine bittere Ironie der Geschichte, dass sich der oft beschworene fanatische Hass der Afghanen gegen die Besatzer nun gegen die Feinde des Westens richtet, nämlich gegen die "arabischen Afghanen". Viele im Westen haben mit dem Argument vor einem Eingreifen gewarnt, fremde Krieger duldeten die Menschen am Hindukusch nicht. Die Fremdherrschaft aber übten die Taliban aus. In dem Moment, da sie besiegt scheinen, gibt es nun Morde an verwundeten Taliban-Kämpfern, ersticken Kriegsgefangene in luftdichten Transportcontainern. Selbst wenn der Einfluss des Westens auf die Nordallianz oder auf einzelne "Warlords" im Süden Afghanistans eng begrenzt ist: Auch im Umgang mit diesen Feinden müssen die Werte durchgesetzt werden, für die der Krieg gegen die Taliban geführt worden ist.

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