Meinung : Afghanistan: Eingreifen, um abzuwehren

Christoph von Marschall

Noch ist nicht bewiesen, dass Afghanistan mit den Anschlägen in den USA zu tun hat. Es war der erste Verdacht: Drahtzieher sei der Terrorist und saudi-arabische Multimillionär Osama bin Laden; nach Geheimdiensterkenntnissen operiert er vom Taliban-Staat aus. So verbreitete sich auch rasch die allgemeine Erwartung, die USA würden mit einem Vergeltungsschlag antworten, sobald die Indizien ausreichen. Und Afghanistan werde zu den Zielen gehören.

Noch in der Nacht zu Mittwoch schien sich das zu bestätigen: Der Flughafen der Hauptstadt Kabul wurde beschossen, die Treibstofflager explodierten, nächtliche Brände erhellten den Himmel. Doch dies war kein Vergeltungsschlag Amerikas, sondern einer der Taliban-Gegner in der Nord-Allianz. Kurz zuvor war deren Anführer Massud Opfer eines Anschlags geworden.

Am Mittwoch mehrten sich die Zeichen, dass sich am Hindukusch etwas zusammenbraut. Präsident Bush in seiner Rede an die Nation: "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen den Terroristen, die diese Taten begangen haben, und denjenigen, die sie unterstützen." Das schien wie gemünzt auf das Zusammenspiel von Taliban-Regime und Osama bin Laden. Vereinte Nationen und Hilfsorganisationen zogen ihr Personal aus Afghanistan ab. Auch die Diplomaten, die sich in Kabul um die Freilassung von acht westlichen Gefangenen - Mitarbeiter von "Shelter now" - bemühen, reisten ab.

Überhaupt stellen sich neue Fragen zur Verhaftung der sechs Frauen und zwei Männer vor vier Wochen unter dem Vorwurf christlicher Missionierung. War das womöglich nur ein Vorwand - in Kenntnis eines bevorstehenden Terroraktes, der amerikanische Vergeltung nach sich ziehen könnte -, um sich mit "lebenden Schutzschilden" zu wappnen? Und: Hat der Westen diese Geiseln nun aufgegeben?

Afghanistan könnte zum ersten sichtbaren Beispiel werden, dass der 11. September die Mechanismen internationaler Politik verändert hat. Eingreifen am Hindukusch wollte bisher niemand - trotz der Willkürherrschaft der Taliban, der Entrechtung der Bürger, speziell der Frauen, der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamian: Weltkulturerbe. Auch bei einer Intervention im Namen der Menschenrechte, wie im Kosovo, fragen westliche Regierungen, welches nationale Interesse es rechtfertige, ihre Soldaten dem Tod auszusetzen. Afghanistan hat kein Erdöl, ist kein unentbehrlicher Transitweg des Welthandels oder von eminent strategischer Bedeutung. Dort gab es bisher kein Eigeninteresse des Westens.

Zudem ist die Chance, mit begrenzten Mitteln Kontrolle auszuüben, gering. Die Sowjets haben am Hindukusch ihr Vietnam erlebt. Es folgten Jahre des Bürgerkriegs. Das Land ist voll Hass und Waffen, zerrissen zwischen verfeindeten Clans. Die USA haben sogar ihren Teil dazu beigetragen, dass die Taliban an die Macht kamen. Sie ließen ihren Schützling Pakistan bei deren Unterstützung gewähren - in der Hoffnung, es sei vielleicht besser, wenn eine Zentralmacht Afghanistan kontrolliere und nicht eine Vielzahl konkurrierender Clans.

Nun zeichnet sich ein neues Interventionsmotiv ab: Abwehr von Terror. Um gegen die Bedrohung durch Drahtzieher vom Schlage Osama bin Ladens und ihre eventuellen staatlichen Helfer vorzugehen, genügt nicht ein Vergeltungsschlag, wie ihn die USA gegen Libyen und Muamar al Ghadafi nach dem Anschlag auf den PanAm-Jumbo über Lockerbie führten. Dafür müsste Amerika so nachdrücklich in Afghanistan eingreifen, dass die Operationsbasis des internationalen Terrors zerstört wird. Das wäre eine Premiere. Die Taliban scheinen damit zu rechnen. Und bieten Gespräche über Osama bin Ladens Auslieferung an. Ein Zeichen der Angst.

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