Meinung : Afghanistan: Frieden schaffen nicht ohne Waffen

Christoph von Marschall

So lassen selbst strategische Erfolge keine rechte Freude aufkommen - jedenfalls nicht beim durchschnittlich an Außenpolitik interessierten Bürger. Kandahar soll jetzt fallen, die letzte Bastion des Taliban-Regimes. Aber wie viel ist das wert? Kompliziert und verworren sind die Verhältnisse in Afghanistan. Vorgestern noch wurde der Abschluss der Friedenskonferenz auf dem Bonner Petersberg als entscheidender Schritt zu einer stabilen Nachkriegsordnung gefeiert. Gestern jedoch kündigten Kräfte, die in Afghanistan ganz reale Macht haben, an, sie würden die neue Regierung boykottieren. Zum Beispiel der Usbeken-General Dostum, der den Norden des Landes einschließlich der strategischen Stadt Masar-i-Scharif kontrolliert.

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Damit stellen sich neue Fragen für die deutsche Beteiligung an der geplanten UN-Friedenstruppe: Müssen die Soldaten mit bewaffnetem Widerstand rechnen? Sollen sie gar die Petersberg-Beschlüsse notfalls mit Gewalt durchsetzen? Dann hätten Kanzler Schröder und Außenminister Fischer ein ernstes innenpolitisches Problem. "Friedenstruppen" - das klingt so edel und so risikoarm im Vergleich zu dem kürzlich debattierten deutschen Militärbeitrag für den Krieg gegen Terror, der Schröder zur Vertrauensfrage nötigte. Tatsächlich ist der Friedenseinsatz in Afghanistan eine weit gefährlichere Mission als Marine-Geleitschutz am Horn von Afrika.

Die Dinge in und um Afghanistan sind selten so, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Das heißt aber nicht, dass alles schlimmer ist als gedacht. Es gibt auch erfreuliche Korrekturen des ersten Augenscheins. Die Petersberg-Konferenz war ein Beispiel dafür. Das Bild vom kriegerischen Volk, das in verfeindete Stämme zerfällt, ist ja bestenfalls die halbe Wahrheit. Die Afghanen sind ein Händlervolk, das in ausführlichem Palaver einen Frieden herbeiverhandeln kann - und damit neue Handelschancen. Afghanen haben andere Afghanen immer wieder zum Seitenwechsel bewegt. Warum soll es nicht am Ende auch gelingen, den Usbeken Dostum einzubinden? Zunächst kommt es darauf an, in Kabul und Umgebung der neuen Regierung Respekt zu verschaffen, der Norden kann warten.

Die Formel für diese Einheit: "Nato plus Islam". Die Nato wird den Einsatz aber weder führen noch Truppen stellen. Einzelne Staaten stellen nationale Kontingente. Die verbreitete Vorstellung, moslemische Länder seien für die Afghanen leichter zu akzeptieren als westliche Staaten, führt in die Irre. Wichtiger ist, dass die Entsende-Staaten nicht im Verdacht stehen, eigene Interessen in Afghanistan zu verfolgen. Deshalb scheiden die islamischen Nachbarländer von vorneherein aus; auch die Türkei, die als einziges Land beide Merkmale, Nato und Islam, erfüllt, wird da kritisch beäugt. Die USA und Großbritannien werden sich wegen der Kriegsbeteiligung zurückhalten. Bleiben Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien sowie neutrale moslemische Staaten wie Jordanien.

Militärisch wird diese Truppe die Petersberg-Beschlüsse nicht erzwingen können. Das Hauptdruckmittel bleibt die Gewährung oder der Entzug von Aufbauhilfe. Und wenn das nicht hilft? Dann wird die UN-Schutztruppe ihrerseits Schutz brauchen. Die Amerikaner sind ja noch in der Gegend - mit schwer bewaffneten Einheiten, vor denen man in Afghanistan Respekt hat.

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