Afghanistan : Geliebter Sündenbock

Afghanistans neuer alter Präsident Hamid Karsai verspricht dem Westen stabile Verhältnisse. Das klingt zu gut, um wahr zu sein.

Michael Schmidt

Wenn’s nicht so traurig wäre – man würde laut lachen. Afghanistans neuer alter Präsident will den Drogenhandel und die Korruption bekämpfen, die Justiz reformieren, das Sozialwesen und die Verwaltung. Und was die internationalen Truppen besonders freuen wird: Sie sollen in fünf Jahren nur noch zur Unterstützung und als Ausbilder am Hindukusch bleiben. Das klingt gut. Zu gut, um wahr zu sein. Zu gut auch, um nicht die Frage zu provozieren, was in aller Welt Hamid Karsai davon abgehalten hat, das nicht längst zu tun? Denn das alles hat er zu seiner Amtseinführung vor fünf Jahren auch schon gesagt. Und nichts gibt Grund zu der Annahme, dass es ihm diesmal ernster damit sei – oder seinen Worten diesmal Taten folgten. Zu mächtig sind die Strukturen und Traditionen in dem geografisch, ethnisch und sozial tief gespaltenen Land. US-Außenministerin Hillary Clinton hat betont, Karsai stehe nach seiner von Fälschungen überschatteten Wiederwahl in der Bringschuld. Das ist zweifellos richtig. Man wird dem Sohn eines paschtunischen Stammesfürsten gar nicht genau genug auf die Finger schauen und auf Einhaltung der Versprechen dringen können. Manchmal allerdings beschleicht einen der Eindruck, die im Westen opportun gewordene Kritik an dem einst als Star gefeierten, nun nur widerwillig akzeptierten Karsai diene auch der Ablenkung von eigenen Fehlern und Versäumnissen.

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