Meinung : Afghanistan: Handeln und Handel

Christoph von Marschall

Über einen Mangel an Hilfsbereitschaft kann Afghanistan wirklich nicht klagen. Am ersten Tag der Geberkonferenz haben nationale Regierungen und internationale Institutionen rund vier Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zugesagt. Das alles wirkt fast wie ein Wettsteigern um den Ehrentitel, wer der Spendabelste sei.

Zu sinnvoller Hilfe gehören zwei Seiten: Eine, die gibt, und die andere, die sie effektiv einsetzt. Die Not der Afghanen ist groß, Städte und Dörfer, die gesamte Infrastruktur zerstört; nach der Dürre des letzten Jahres ist nicht einmal die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln gesichert. Das Land braucht also viel Hilfe. Und dennoch: kann es solche Summen überhaupt verkraften? Es gibt kein Bankensystem, alles Geld muss bar ins Land gebracht werden. Es existieren noch keine leistungsfähigen Verwaltungen, die Straßen- und Siedlungsprojekte planen und ihren Bau verlässlich begleiten können.

Nach mehr als zwanzig Jahren Bürgerkrieg fehlt in Afghanistan alles, was zu einer funktionierenden Volkswirtschaft auch in ärmeren Ländern gehört: Ingenieurbüros, größere Bauunternehmen, Druckereien für Schulbücher, ein auf Friedenswirtschaft ausgerichtetes Handwerk. Was an Fantasie und Improvisationskunst fürs Überleben nötig war, das beherrschen die Afghanen besser als viele andere Völker. Doch sind das nicht die Strukturen, die jetzt gebraucht werden für die Sonderanstrengung, in einem zerstörten Land Alltag herzustellen.

Vieles werden die Hilfsorganisationen von außen mitbringen müssen. Und da bleibt der Flughafen Bagram bei Kabul vorerst ein Nadelöhr, das selbst Friedenstruppen nur mit Zeitverzug passieren konnten. Immerhin ist der Salang-Tunnel wieder offen, die Straßenverbindung zwischen dem Nord- und dem Südteil Afghanistans - und damit eine Transportstrecke zwischen den GUS-Republiken nach Kabul und Kandahar sowie umgekehrt von Pakistan nach Mazar-i-Sharif.

Schleier des Vergessens

Das viele Geld, das nun zur Verfügung steht, wird Afghanistan in absehbarer Zeit gar nicht sinnvoll aufbrauchen können. Und doch ist es kein Fehler, dass diese Summen bereit gestellt wurden. Jetzt steht das Land im Blickpunkt. Über Monate haben die Menschen rund um den Globus den Krieg gegen Terror, die Zerstörungen, das Flüchtlingselend verfolgt, haben mit den Hungernden und Verzweifelten mitgelitten - und sich später mitgefreut über die Befreiung der Städte und Regionen, über die Rückkehr unverschleierter Frauengesichter und der Tanzmusik in den Alltag. Die frischen Eindrücke haben die Hilfsbereitschaft gestärkt. Sie lassen sich aber nicht konservieren. Wer wird in drei, vier Jahren für Afghanistan spenden? So beeindruckend die vier Milliarden jetzt klingen: Es ist nicht einmal die Hälfte der Aufbauhilfe, die UN-Generalsekretär Kofi Annan für die nächsten fünf Jahre veranschlagt.

Auf Dauer wird das Land nicht von ausländischer Hilfe leben können. Ein asiatisches Sprichwort sagt: Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einen Tag satt sein. Gib einem Hungernden ein Netz, und er wird nie mehr Hunger leiden.

Afghanistan hat ein solches Netz: seine geografische Lage als Transitland zwischen Indischem Ozean im Süden und Russland im Norden, zwischen China und Indien im Osten sowie Iran im Westen. Sie hat ihm über Jahrhunderte Einkünfte aus dem Handel beschert. Bisweilen war die strategische Lage ein Fluch, weil mächtige Nachbarn die Kontrolle über das Land anstrebten und sich dabei die Rivalitäten seiner Stämme und Völker zunutze machten.

Ein einiges und friedliches Afghanistan kann aus seiner Lage künftig großen Nutzen ziehen: wenn es zum Transitland für die großen Gas- und Erdölvorräte unter dem Kaspischen Meer wird. Seinen hohen Wert hat das Öl erst, wenn es an einem der Weltmeere zum Abtransport bereitliegt. Mehr Pipelines durch den Iran wünscht der Westen nicht, seine Abhängigkeit von Teheran ist schon jetzt hoch. Die Routen durch den Kaukasus ins Mittelmeer sind durch zahlreiche Regionalkonflikte bedroht. Kaspisches Öl via Afghanistan zum Indischen Ozean - das wäre für Kabul auf Dauer wertvoller als alle Geldgeschenke in Tokio zusammen.

Hier wäre es mal umgekehrt. Nicht Krieg um Öl. Sondern: Öl für den Frieden.

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